Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Vorwürfe  mit  der  Zeit  deutlicher  und  politisch  brisanter.  Zuletzt  fragte  Friedrich
Regitz  im  Zusammenhang  mit  einem  Vergleich  der  Finanzausstattung  der  Rundftinkanstalten
  im  Saarland  und  in  anderen  Ländern,  ob  die  bessere  Situation  anderer
Länder  darauf  zurückzuführen  sei,  daß  diese  „tüchtigere  Ministerpräsidenten“
haben.1'  Gegenüber  dieser  neuen  Vorgehensweise  erschien  die  noch  aus  der  Regierungstätigkeit
  der  Übergangszeit  stammende  Strategie  Röders,  den  Ministern  weitgehend
  die  Vertretung  ihrer  Fachpolitiken  im  Parlament  zu  überlassen,  sehr  defensiv.
Zwar  blieb  Röder  in  seinem  eigenen  Zuständigkeitsbereich,  dem  Kultusministerium,
in  seiner  Sachkompetenz  weitgehend  unbeschadet  -  wohl  auch  aufgrund  der  recht
unsystematisch  vorgetragenen  Angriffe  der  Opposition  -,13K  vor  allem  aber  die  SPD
konnte  das  Kabinett  als  ganzes  als  eine  wenig  abgestimmte  und  daher  auch  konzeptionell
  schwache  Regierung  darstellen.137 139  Eine  Anpassung  des  Regierungsstils  an
diese  neue  Situation  erfolgte  zunächst  nur  zaghaft.140
3.3 Haushaltspolitik  zwischen  Geldsegen  aus  Bonn  und  Beinahe-Bankrott
3.3.1 Der  Versuch  einer  bürokratischen  Verarbeitung  von  Budgetproblemen
Die  Besonderheiten  des  teilautonomen  Status  des  Saarlandes  seit  dem  Zweiten
Weltkrieg  hatten  auch  eine  Reihe  von  Rückwirkungen  auf  die  Struktur  seines  Finanzwesens.141
  Einerseits  waren  bestimmte  Ausgabenarten  vorgesehen,  die  vor  1945  und

137  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  11.  Sitzung  v.  12.7.61,  S.416.
138  Sehr  aufschlußreich  in  diesem  Zusammenhang  ist  eine  Debatte  zur  Bildungspolitik  Anfang  1962:
Nachdem  Kurt  Conrad  im  Zusammenhang  mit  der  Finanzierung  des  Saarländischen  Rundfunks  noch  von
einem  „Canossa“  des  Ministerpräsidenten  hatte  sprechen  können,  der  sich  an  diesem  Punkt  kaum  verteidigte
  und  auch  keine  Unterstützung  aus  der  Mehrheitsfraktion  fand  -  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  16.  Sitzung  v.
30.1.62,  S.  552  -,  dominierte  Röder  die  Debatte  um  den  Etat  des  Kultusministeriums  praktisch  nach
Belieben:  Trotz  seiner  strikt  konservativen,  teilweise  moralisch-nostalgischen  Argumentation  war  die
Opposition  offenbar  nicht  in  der  Lage,  konkrete  Sachargumente  gegen  Röders  Vorstellungen  einzubringen.
Dies  ließ  die  Diskussion  gegen  Ende  der  Debatte  in  eine  Erörterung  der  Vor-  und  Nachteile  von  Mehrzweck-
  und  Schulsporthallen  abgleiten,  ebd.,  S.  688.
139  Interessant  ist  in  diesem  Zusammenhang  der  Vorwurf  von  Friedrich  Regitz,  Röder  unterhalte  in  der
Staatskanzlei  eine  Art  „Nebenregierung“,  die  willkürlich  und  unabgestimmt  in  die  Parlamentsvorlagen  der
Ministerien  eingreife,  ebd,,  S.  589.  Aus  dem  Zusammenhang  mit  der  kurz  vorher  vorgetragenen  Forderung,
die  Regierungsarbeit  müsse  „elastischer“  und  weniger  streng  an  formalen  Zuständigkeiten  orientiert
organisiert  werden  (LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  1  3.  Sitzung  v.  7.1  1.61,  S.  473),  zeigt  sich,  daß  hier  nicht  eine  -
möglicherweise  sogar  positiv  zu  wertende  -  enge  Koordination  der  Regierungsarbeit  angesprochen  wurde,
sondern  im  Gegenteil  die  Reibungsverluste  durch  fehlende  Lenkung  der  Kabinettstätigkeit  kritisiert
wurden.
I4U  Ein  solcher  Ansatz  fand  sich  in  der  Grundsatzdiskussion  über  Sozialpolitik,  die  sich  aus  der  neuerlich
aufgeworfenen  Frage  nach  einer  Weihnachtsgratifikation  für  Beamte  Ende  1961  entwickelte.  Nachdem  die
Gefahr  bestand,  daß  die  Einigkeit  innerhalb  der  Regierungskoalition  durch  das  unvermittelte  Aufeinandertreffen
  von  klassisch-liberalen  Ordnungsvorstellungen  aus  den  Reihen  der  DPS  und  an  der  „sozialen
Tradition“  des  Saarlandes  orientierten  Grundüberlegungen  aus  Teilen  der  CDU-Fraktion  zerbrechen
könnte,  griff  Röder  in  die  Diskussion  ein  und  formulierte  einen  christlich-anthropologisch  fundierten
Standpunkt,  der  als  Basis  für  eine  Leitlinie  des  Regierungshandelns  verstanden  werden  konnte:  Durch
seinen  Rückbezug  auf  die  Enzyklika  quadragesimo  anno  und  das  christliche  Menschenbild  gelang  es  ihm,
die  Debatte  praktisch  zu  beenden,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  14.  Sitzung  v.  30.1  1.61,  S.  516.
141  Zu  den  Haushaltsproblemen  in  der  Zeit  der  Teilautonomie  Meinen,  Saarjahre,  S.  337ff.

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