eben Anteil desjenigen Wählersockels, der sich in der Vergangenheit nicht dazu
entschließen konnte, Stammwähler einer der beiden großen Parteien zu werden.123
Damit ist das Urteil Jean-Paul Cahns, der davon ausgeht, daß die Aufrechterhaltung
des Heimatbundes tür die SPD nicht besonders vorteilhaft gewesen sei, zumindest in
seiner zeitlichen Gültigkeit zu bezweifeln: Bis in das Jahr 1959, möglicherweise bis
zur Regierungsbildung unter Röder war die Regierungsbeteiligung für die SPD unter
dem Gesichtspunkt der Stärkung ihrer Position gegenüber der CDU durchaus erfolgreich.
Aus Kenntnis der weiteren Entwicklung der Partei erscheint erst das Festhalten
an der Regierungsbeteiligung bis 1960, also so lange, bis die SPD praktisch aus der
Regierung „herausgewählt“ wurde, viel eher als politischer Fehler. Unter diesem
Blickwinkel bedeutete die für die Christdemokraten nach der Landtagswahl 1960
gegebene Möglichkeit zur Regierungsfortsetzung sowie die ideologisch-programmatische
Nähe eines Großteils auch desjenigen Wählerpotentials, das sich nicht für
die CDU entschieden hatte, zugleich die Chance, die Einigung zur Volkspartei jetzt
nachzuholen. Damit steht die Landtagswahl eindeutig noch im Kontext der Übergangszeit,
und insofern gilt Hüsers These von der lntegrationskraft der Röder-CDU
allenfalls erst für die Zeit nach dieser Wahl. Die Ausbildung eines Rechts-Links-Gegensatzes,
wie sie von Loth angenommen wird, dürfte sich angesichts der sich aus
der Vereinigungs-Aufgabe ergebenden Notwendigkeit eines integrativen Regierungsstils
wahrscheinlich gar nicht erhärten lassen, und wenn doch, dann steht zu erwarten,
daß dieser Gegensatz eher auf das Verhalten der SPD zurückzuführen sein wird.
Indizien zur Stützung dieser Interpretation liefert auch der Regierungsstil Franz Josef
Röders. Zunächst überließ dieser - besonders im Zusammenhang mit den im Umfeld
der wirtschaftlichen Eingliederung auftretenden sozialpolitischen Fragen - die Verantwortung
weitgehend seinen Ministern. Dies betraf insbesondere die Frage der
Auflösung der Kasse für Familienzulagen, über die noch am 18. Juni 1959 eine
Grundsatzdiskussion geführt wurde. Hier verschärfte sich die Konfrontation insbesondere
zwischen DPS und SPD, was der SPD erlaubte, ihre Kompetenz in diesem
Bereich zu betonen,124 wobei jedoch der sozialdemokratische Arbeitsminister zum
123 Sehr interessante Umfrageergebnisse zu dieser Frage zitiert Falter, Wahlentscheidung, S. 88ff. Danach
stellte die CDU für die Wähler aller „kleiner“ Parteien - SVP, CNG aber auch für die von der DPS
abwandemden Wähler die mit Abstand attraktivste Alternative dar. Dabei kann Falter die Zugewinne der
CDU in den 60er Jahren und ihre allmähliche Entwicklung zur auch bei Landtagswahlen stark dominierenden
Partei statistisch durch Korrelation der Wahlergebnisse der DPS und der SVP erklären und so den
Umfragebefünd erhärten.
124 LTDS, 3. WP, Abt. I, 71. Sitzung v. 18.6.59, S. 1909. Interessant ist die Argumenation von Kurt John
(DPS), der die Familienzulage zum „schwerwiegendsten Streitpunkt der gesamten wirtschaftlichen
Eingliederung“ erklärte und angesichts des Scheitems der Saarvertreter bei der Auffechterhaltung des
sozialen Besitzstandes - ein „politisches Versprechen“ aus dem Abstimmungskampf - feststellte: „Die
Bevölkerung unseres Landes ist verbittert.“ Vollends griff John die eigentlich sozialdemokratische
Argumentationslinie auf, als er betonte, daß nicht haushaltstechnische Erwägungen für die negative
Entscheidung aus Bonn verantwortlich seien, sondern prinzipielle: „Man fürchtet“, so John über einen
möglichen Erfolg der saarländischen Regelung in Bonn, „daß die Einführung im übrigen Bundesgebiet
unvermeidlich wäre und damit eine Mehrbelastung der deutschen Wirtschaft einträte.“
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