Diese Strategie war bis zu den ersten Kommunalwahlen im Jahr 1960 erfolgreich,
weil sie das Kräfteverhältnis gegenüber der CDU sehr günstig beeinflußte. Die
Ergebnisse stagnierten dann jedoch bis nach den Landtagswahlen dieses Jahres.
Diese Stagnation deutet daraufhin, daß die Möglichkeiten auf Zugewinne durch den
Einbruch in katholische, bis daher eher den C-Parteien zugewandte Wählerpotentiale
die negative Entwicklung in den Hochburgen der Sozialdemokratie nicht überkompensieren
konnten, ln historisch-politischer Perspektive bedeuteten diese Wahlergebnisse,
daß die politischen „Kosten“ der bisherigen Strategie, nämlich die Nachteile
aus der Regierungsbeteiligung wie z.B. die Teilverantwortung für die nicht für jeden
zufriedenstellenden Veränderungen im sozialen Besitzstand, aber auch für die heftig
diskutierte Problematik des für ungültig erklärten Kommunalwahlgesetzes so hoch
waren, daß die daraus gezogenen Vorteile nicht für eine Ablösung der CDU als
stärkste Partei ausreichten. Damit ging die SPD aus der Gründungsphase des Bundeslandes
Saar in einer ähnlichen Situation heraus wie bereits im Jahr 1947 nach der
Gründung des teilautonomen Saarlandes.
Die CDU wählte demgegenüber einen anderen Weg: Von der Basis der eindeutigen
Dominanz der Christdemokraten gegenüber der Sozialdemokratie vor der Volksabstimmung
aus betrachtet, bedeutete der Verzicht auf eine schnelle Vereinigung die
Aufgabe einer dominanten Machtposition. Keine der C-Parteien konnte gegenüber
der SPD die Rolle spielen, welche die CVP scheinbar selbstverständlich gegenüber
der SPS innegehabt hatte. Zwar stellte die Kommunalwahl des Jahres 1956 eine
gravierende institutioneile wie organisatorische Stärkung der CDU dar, genauso, wie
bei der Bundestagswahl 1957 deutlich wurde, daß die C-Parteien weiterhin über ein
Wählerpotential von ungefähr der Hälfte der saarländischen Wahlbevölkerung
verfügten. Trotzdem ist festzuhalten, daß die Fragmentierung des nicht eindeutig
sozialdemokratischen Lagers bis zur Landtagwahl 1960 anhielt und die Wachstumsehancen
der CDU deutlich einschränkte. Dieser Trend wurde wahrscheinlich durch
die verzögerte Entscheidung zugunsten einer Regierungsbeteiligung der CVP -
genauso wie durch die Konsequenz dieser Entscheidung, nämlich die Ausgrenzung
der DPS - weiter verstärkt. Andererseits muß festgestellt werden, daß die CDU durch
diese Strategie auf die Zeit nach der Landtagswahl I960 besser vorbereitet w'ar:
Bereits während der Übergangszeit hatte sie über eine negative strategische Mehrheit
verfügt, durch die eine Regierungsbildung unter Ausschluß der CDU nur rechnerisch,
nicht aber politisch-praktisch möglich gewesen war. Diese Position konnte die CDU
noch 1960 halten.122 Gleichzeitig verfügte sie durch die komplizierte Entwicklung bei
den „kleinen“ Parteien, besonders der SVP, über direkten Zugang zu einem erheblisteilten
SPS-Funktionäre vertreten.
122 Alleine schon dem Amtsbonus des Ministerpräsidenten ist außerordentlich hohe Bedeutung zuzumessen,
wie sich anhand von Umfragedaten zeigt: Franz Josef Röder hätte demnach im Jahr I960 ca. 60% der
Stimmen erhalten, sein Gegenkandidat Kurt Conrad aber nur 15%, Jürgen W. Falter, Faktoren der
Wahlentscheidung. Eine wahlsoziologische Analyse am Beispiel der saarländischen Landtagswahl 1970,
Köln u.a., S. 93.
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