Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Diese  Strategie  war  bis  zu  den  ersten  Kommunalwahlen  im  Jahr  1960  erfolgreich,
weil  sie  das  Kräfteverhältnis  gegenüber  der  CDU  sehr  günstig  beeinflußte.  Die
Ergebnisse  stagnierten  dann  jedoch  bis  nach  den  Landtagswahlen  dieses  Jahres.
Diese  Stagnation  deutet  daraufhin,  daß  die  Möglichkeiten  auf  Zugewinne  durch  den
Einbruch  in  katholische,  bis  daher  eher  den  C-Parteien  zugewandte  Wählerpotentiale
die  negative  Entwicklung  in  den  Hochburgen  der  Sozialdemokratie  nicht  überkompensieren
  konnten,  ln  historisch-politischer  Perspektive  bedeuteten  diese  Wahlergebnisse,
  daß  die  politischen  „Kosten“  der  bisherigen  Strategie,  nämlich  die  Nachteile
aus  der  Regierungsbeteiligung  wie  z.B.  die  Teilverantwortung  für  die  nicht  für  jeden
zufriedenstellenden  Veränderungen  im  sozialen  Besitzstand,  aber  auch  für  die  heftig
diskutierte  Problematik  des  für  ungültig  erklärten  Kommunalwahlgesetzes  so  hoch
waren,  daß  die  daraus  gezogenen  Vorteile  nicht  für  eine  Ablösung  der  CDU  als
stärkste  Partei  ausreichten.  Damit  ging  die  SPD  aus  der  Gründungsphase  des  Bundeslandes
  Saar  in  einer  ähnlichen  Situation  heraus  wie  bereits  im  Jahr  1947  nach  der
Gründung  des  teilautonomen  Saarlandes.
Die  CDU  wählte  demgegenüber  einen  anderen  Weg:  Von  der  Basis  der  eindeutigen
Dominanz  der  Christdemokraten  gegenüber  der  Sozialdemokratie  vor  der  Volksabstimmung
  aus  betrachtet,  bedeutete  der  Verzicht  auf  eine  schnelle  Vereinigung  die
Aufgabe  einer  dominanten  Machtposition.  Keine  der  C-Parteien  konnte  gegenüber
der  SPD  die  Rolle  spielen,  welche  die  CVP  scheinbar  selbstverständlich  gegenüber
der  SPS  innegehabt  hatte.  Zwar  stellte  die  Kommunalwahl  des  Jahres  1956  eine
gravierende  institutioneile  wie  organisatorische  Stärkung  der  CDU  dar,  genauso,  wie
bei  der  Bundestagswahl  1957  deutlich  wurde,  daß  die  C-Parteien  weiterhin  über  ein
Wählerpotential  von  ungefähr  der  Hälfte  der  saarländischen  Wahlbevölkerung
verfügten.  Trotzdem  ist  festzuhalten,  daß  die  Fragmentierung  des  nicht  eindeutig
sozialdemokratischen  Lagers  bis  zur  Landtagwahl  1960  anhielt  und  die  Wachstumsehancen
  der  CDU  deutlich  einschränkte.  Dieser  Trend  wurde  wahrscheinlich  durch
die  verzögerte  Entscheidung  zugunsten  einer  Regierungsbeteiligung  der  CVP  -
genauso  wie  durch  die  Konsequenz  dieser  Entscheidung,  nämlich  die  Ausgrenzung
der  DPS  -  weiter  verstärkt.  Andererseits  muß  festgestellt  werden,  daß  die  CDU  durch
diese  Strategie  auf  die  Zeit  nach  der  Landtagswahl  I960  besser  vorbereitet  w'ar:
Bereits  während  der  Übergangszeit  hatte  sie  über  eine  negative  strategische  Mehrheit
verfügt,  durch  die  eine  Regierungsbildung  unter  Ausschluß  der  CDU  nur  rechnerisch,
nicht  aber  politisch-praktisch  möglich  gewesen  war.  Diese  Position  konnte  die  CDU
noch  1960  halten.122  Gleichzeitig  verfügte  sie  durch  die  komplizierte  Entwicklung  bei
den  „kleinen“  Parteien,  besonders  der  SVP,  über  direkten  Zugang  zu  einem  erheblisteilten

  SPS-Funktionäre  vertreten.
122 Alleine  schon  dem  Amtsbonus  des  Ministerpräsidenten  ist  außerordentlich  hohe  Bedeutung  zuzumessen,
  wie  sich  anhand  von  Umfragedaten  zeigt:  Franz  Josef  Röder  hätte  demnach  im  Jahr  I960  ca.  60%  der
Stimmen  erhalten,  sein  Gegenkandidat  Kurt  Conrad  aber  nur  15%,  Jürgen  W.  Falter,  Faktoren  der
Wahlentscheidung.  Eine  wahlsoziologische  Analyse  am  Beispiel  der  saarländischen  Landtagswahl  1970,
Köln  u.a.,  S.  93.

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