Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

zweiten  Hälfte  der  50er  Jahre  stellte  sich  daher  für  die  beiden  großen  Parteien  die
Aufgabe,  eine  den  Besonderheiten  des  regionalen  politischen  Systems  angemessene  -
und  dadurch  überzeugende  -  Interpretation  des  auf  nationaler  Ebene  so  erfolgreichen
Musters  „Volkspartei“  zu  entwickeln,  durch  welche  die  bislang  nicht  eingebundenen
Wähler  trotz  ihrer  Heterogenität  in  Zusammensetzung  und  politischer  Prioritätenset“
zung  wähl  wirksam  erreicht  werden  konnten.  "g  Auf  diesem  Weg  zur  Saarland-spezifischen
  Volkspartei  wählten  die  beiden  großen  Parteien  unterschiedliche  Vorgehensweisen,
  die  als  Vorbedingung  die  weitere  Entwicklung  der  Parteienlandschaft
nach  1960  bestimmten.  Die  SPD  führte  die  Integration  der  SPS  sehr  frühzeitig  durch,
was  nur  unter  heftigen  innerparteilichen  Konflikten  und  unter  Einsatz  teilweise  sehr
restriktiver  Maßnahmen  (z.B.  bei  der  Entscheidung  über  die  Übernahme  von  alten
SPS-Mitgliedern)  gelang.  Ein  wichtiges  Instrument  zur  Durchsetzung  dieser  Strategie,
  die  der  SPD  nach  der  Landtagswahl  von  1955  erhebliche  Wachstumspotentiale
bot,  stellte  die  Regierungsbeteiligung  dar,  durch  die  einerseits  das  Problem  der
Erarbeitung  einer  Oppositionsstrategie  vermieden  werden  konnte  und  durch  die
andererseits  besonders  Kurt  Conrad  die  politischen  Konflikte  von  der  moralischen
Überhöhung  der  Vergangenheit  auf  die  Ebene  sachlich-technischen  Expertendiskurses
  verlagerte.119 120  Daß  die  SPD  bei  den  Kommunalwahlen  1956  bei  wachsenden
Stimmenanteilen  sogar  Gemeinderatssitze  verlor,  dürfte  dabei  die  stark  auf  die
Landesleitung  der  Partei  konzentrierte  Strategie  der  SPD  nicht  beeinträchtigt
haben.121

interpretieren,  die  Liberalen  zur  saar-spezifischen  Volkspartei  zu  entwickeln.  Durchaus  vergleichbar  mit
der  Strategie  der  FPD  in  Nordrhein-Westfalen  hatte  der  nationalliberale  Flügel  der  DPS  um  Fleinrich
Schneider  zu  Anfang  der  50er  Jahre  versucht,  auf  Basis  seiner  Kritik  an  der  saarländischen  Teilautonomie
die  Partei  als  Massenintegrationspartei  in  Konkurrenz  zu  den  großen  Parteien  zu  stellen.  Noch  im  Abstimmungskampf
  war  die  Selbstdarstellung  der  DPS  als  die  „bessere  CDU“  angesichts  der  unklaren
Strategie  der  Bundes-CDU  ein  wählerwirksames  Element.  Mit  der  oben  aufgezeigten  schrittweisen
Bedeutungsveränderung  der  nationalen  Frage  verlor  dieses  Argument  aber  seine  Bindungwirkung  und
führte  so  -  wenn  auch  auf  anderem  Wege  -  zu  einem  ähnlichen  Scheitern  dieser  Weiterentwicklung  der
Liberalen  wie  in  Nordrhein-Westfalen.  Vgl.  hierzu  Hans-Heinrich  Jansen,  Dritte  Kraft  oder  Partei  der
Mitte?  Die  Auseinandersetzungen  über  die  Stellung  der  FDP  im  deutschen  Parteiensystem  zu  Beginn  der
fünfziger  Jahre,  in:  Jahrbuch  zur  Liberalismus-Forschung  13  (2001),  S.  200-209.
119  Ansatzweise  ist  dieser  Gedankengang  bereits  bei  Kappmeier,  Konfession  und  Wahl  verhalten,  S.  63,  zu
finden,  wenn  er,  von  dem  erfolgreichen  Einbruch  der  SPD  in  die  katholischen  Wählerschichten  ausgehend,
die  höhere  Bedeutung  „anderer  Variablen“  für  die  Weiterentwicklung  der  Parteien  betont.  Leider  fuhrt
Kappmeier  diesen  Gedanken  aber  nicht  aus.
120  Die  „Tendenz  zur  moralischen  und  ideologischen  Überhöhung  der  Stellungnahmen  zu  konkreten
politischen  Fragen“  war  eines  der  zentralen  Elemente  der  von  dem  Konflikt  über  die  nationale  Zugehörigkeit
  geprägten  politischen  Kultur  im  Saarland  der  Nachkriegszeit,  Maria  Zenner,  Politische  Bewußtseinsbildung
  in  internationalen  Sonderregimen,  in:  Hudemann  u.  Poidevin  (Hgg.),  Saar,  S.  397-404,  hier:
S.  402.
121  Bemerkenswert  ist  in  diesem  Zusammenhang  die  Begründung  von  Friedrich  Regitz  zur  Zustimmung  der
SPD  zum  Wahlgesetz  für  die  Landtagswahl  1960:  Für  die  SPD-Fraktion  begrüßte  Regitz  insbesondere  die
Tatsache,  daß  die  ursprünglich  vorgesehene  Aufteilung  des  Wahlgebietes  in  25  Wahlkreise  fallen  gelassen
wurde,  da  es  dadurch  „sehr  viel  schwieriger  gewesen  wäre,  die  Wünsche  der  Parteiführung  [gegenüber  der
eigenen  Partei]  durchzusetzen“,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  88.  Sitzung  v.  29.9.60,  S.  2388.  Im  übrigen  waren
gerade  bei  den  Kommunalpolitikern  noch  viele  der  potentiell  gegenüber  dem  neuen  Kurs  kritisch  einge¬144


            
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