ideologischen Trennungslinie zu verhindern.104 Obwohl die Person Egon Reinerts im
Kontrast zu Hubert Ney sehr viel mehr für eine Politik der Aussöhnung zwischen
CDU und CVP stand,105 konnte die SPD bis zur Landtagswahl I960 in die Regierungsarbeit
eingebunden werden. Diese an sich bemerkenswerte Tatsache ist auch
darauf zurückzufuhren, daß die Spitzenpolitiker der SPD die politischen Kosten einer
Beteiligung an der christdemokratisch geführten Regierung als niedriger einschätzten
als die Vorteile, die ihnen der Handlungsspielraum in der Sozialpolitik brachte.106 107 Die
DPS hingegen, obwohl programmatisch und hinsichtlich ihrer Rolle im bundesdeutschen
Parteiensystem anders positioniert, traf diese Entscheidung bereits Anfang
1959 bei der Neubildung der Regierung anders.
3,2.2 Die Wahlen des Jahres 1960: der Beginn einer neue Ära?
Große Unklarheit herrschte bei den Zeitgenossen - und herrscht bis heute - über die
Bewertung der Landtagswahl 1960. Die Grundfrage lautet, ob das Ergebnis dieser
Wahl eher als Ausweis einer Stabilisierung der Christdemokraten oder als Wahlsieg
der SPD zu interpretieren ist. Anders formuliert, bedeutet dies die Frage, ob die Wahl
historisch eher in den Zusammenhang der Übergangszeit als Phase der Etablierung
des saarländischen Parteiensystems oder bereits in die Geschichte des Bundeslandes
Saarland als vollintegrierter Bestandteil der bundesrepublikanischen Parteienentwicklung
einzuordnen ist. Dem Urteil des Spitzenkandidaten der CDU, der die Wahl als
„Enttäuschung“ bezeichnete,10 steht die Bewertung Dietmar Hüsers entgegen, der die
Landtagswahl im Kontext des gelungenen Versuchs Röders sieht, eine Allianz von
selbständigem Mittelstand, aufsteigenden Angestellten, Freiberuflern und vor allem
104 Umfassend zu dieser Funktion von Regierungsbildungen: Rainer Kunz, Die Bedeutung der Koalition
in den westdeutschen Parteiensystemen, Augsburg 1979, bes. S. 163ff. Die hohe Bedeutung des Regierungsstils
- insbesondere des Ministerpräsidenten - für diese Funktion von Koalitionen ist übrigens auch
darauf zurückzuführen, daß im Saarland bis zur siebten Wahlperiode Koalitionen nicht durch einen
schriftlichen Koalitionsvertrag begründet wurden, vgl. hierzu: Tanja Moser-Praefcke, Koalitons- und
Regierungsbildung im Saarland nach der Landtagswahl vom 4. Mai 1975, (Mag.Arb.) Saarbrücken 2002.
103 Vgl. zur Biographie Egon Reinerts: Helmut Bergweiler, Hans Egon Reinert, in: Norbert Blüm (Hg,),
Christliche Demokraten der ersten Stunde, Bonn 1966, S, 313-330. Reinert war schon in der Gründungsphase
in der saarländischen CDU aktiv, vertrat diese im Rechtsstreit um ihre offizielle Zulassung als Partei
und zählte anfangs zu den engagierten Kritikern der Politik der CVP. Im Gegensatz aber zu seinem
Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten war seine Zuordnung zur „Bonner Gruppe“ in der CDU, vgl.
Bauer, CDU, S. 60, aber nicht eindeutig. Er gewann vielmehr seine Bedeutung in der saarländischen
Politik durch seine Regierungstätigkeit und seine integrative Funktion in der Frühphase des Vereinigungsprozesses
von CVP und CDU. Vgl. hierzu demnächst: Marcus Hahn, Egon Reinert, in: Neue Deutsche
Biographie i.V.
106 Sehr deutlich wurde diese Entscheidung noch im Zusammenhang mit einer der zentralen sozialpolitischen
Debatten zu Beginn der Amtszeit von Franz Josef Röder, in deren Verlauf Friedrich Regitz die
DPS in die Position der Bundes-FDP abdrängte und das klare Bekenntnis der SPD zur Koalition betonte,
LTDS, 3. WP, Abt. 1,68. Sitzung v. 18.6.59, S. 1912.
107 Franz Josef Röder, Leistung und Aufgabe. Rede am Landesparteitag 1965 in Saarbrücken, Saarbrücken
1965, S. 3.
139