Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

ideologischen  Trennungslinie  zu  verhindern.104  Obwohl  die  Person  Egon  Reinerts  im
Kontrast  zu  Hubert  Ney  sehr  viel  mehr  für  eine  Politik  der  Aussöhnung  zwischen
CDU  und  CVP  stand,105  konnte  die  SPD  bis  zur  Landtagswahl  I960  in  die  Regierungsarbeit
  eingebunden  werden.  Diese  an  sich  bemerkenswerte  Tatsache  ist  auch
darauf  zurückzufuhren,  daß  die  Spitzenpolitiker  der  SPD  die  politischen  Kosten  einer
Beteiligung  an  der  christdemokratisch  geführten  Regierung  als  niedriger  einschätzten
als  die  Vorteile,  die  ihnen  der  Handlungsspielraum  in  der  Sozialpolitik  brachte.106 107  Die
DPS  hingegen,  obwohl  programmatisch  und  hinsichtlich  ihrer  Rolle  im  bundesdeutschen
  Parteiensystem  anders  positioniert,  traf  diese  Entscheidung  bereits  Anfang
1959  bei  der  Neubildung  der  Regierung  anders.
3,2.2 Die  Wahlen  des  Jahres  1960:  der  Beginn  einer  neue  Ära?
Große  Unklarheit  herrschte  bei  den  Zeitgenossen  -  und  herrscht  bis  heute  -  über  die
Bewertung  der  Landtagswahl  1960.  Die  Grundfrage  lautet,  ob  das  Ergebnis  dieser
Wahl  eher  als  Ausweis  einer  Stabilisierung  der  Christdemokraten  oder  als  Wahlsieg
der  SPD  zu  interpretieren  ist.  Anders  formuliert,  bedeutet  dies  die  Frage,  ob  die  Wahl
historisch  eher  in  den  Zusammenhang  der  Übergangszeit  als  Phase  der  Etablierung
des  saarländischen  Parteiensystems  oder  bereits  in  die  Geschichte  des  Bundeslandes
Saarland  als  vollintegrierter  Bestandteil  der  bundesrepublikanischen  Parteienentwicklung
  einzuordnen  ist.  Dem  Urteil  des  Spitzenkandidaten  der  CDU,  der  die  Wahl  als
„Enttäuschung“  bezeichnete,10  steht  die  Bewertung  Dietmar  Hüsers  entgegen,  der  die
Landtagswahl  im  Kontext  des  gelungenen  Versuchs  Röders  sieht,  eine  Allianz  von
selbständigem  Mittelstand,  aufsteigenden  Angestellten,  Freiberuflern  und  vor  allem

104 Umfassend  zu  dieser  Funktion  von  Regierungsbildungen:  Rainer  Kunz,  Die  Bedeutung  der  Koalition
in  den  westdeutschen  Parteiensystemen,  Augsburg  1979,  bes.  S.  163ff.  Die  hohe  Bedeutung  des  Regierungsstils
  -  insbesondere  des  Ministerpräsidenten  -  für  diese  Funktion  von  Koalitionen  ist  übrigens  auch
darauf  zurückzuführen,  daß  im  Saarland  bis  zur  siebten  Wahlperiode  Koalitionen  nicht  durch  einen
schriftlichen  Koalitionsvertrag  begründet  wurden,  vgl.  hierzu:  Tanja  Moser-Praefcke,  Koalitons-  und
Regierungsbildung  im  Saarland  nach  der  Landtagswahl  vom  4.  Mai  1975,  (Mag.Arb.)  Saarbrücken  2002.
103  Vgl.  zur  Biographie  Egon  Reinerts:  Helmut  Bergweiler,  Hans  Egon  Reinert,  in:  Norbert  Blüm  (Hg,),
Christliche  Demokraten  der  ersten  Stunde,  Bonn  1966,  S,  313-330.  Reinert  war  schon  in  der  Gründungsphase
  in  der  saarländischen  CDU  aktiv,  vertrat  diese  im  Rechtsstreit  um  ihre  offizielle  Zulassung  als  Partei
und  zählte  anfangs  zu  den  engagierten  Kritikern  der  Politik  der  CVP.  Im  Gegensatz  aber  zu  seinem
Nachfolger  im  Amt  des  Ministerpräsidenten  war  seine  Zuordnung  zur  „Bonner  Gruppe“  in  der  CDU,  vgl.
Bauer,  CDU,  S.  60,  aber  nicht  eindeutig.  Er  gewann  vielmehr  seine  Bedeutung  in  der  saarländischen
Politik  durch  seine  Regierungstätigkeit  und  seine  integrative  Funktion  in  der  Frühphase  des  Vereinigungsprozesses
  von  CVP  und  CDU.  Vgl.  hierzu  demnächst:  Marcus  Hahn,  Egon  Reinert,  in:  Neue  Deutsche
Biographie  i.V.
106  Sehr  deutlich  wurde  diese  Entscheidung  noch  im  Zusammenhang  mit  einer  der  zentralen  sozialpolitischen
  Debatten  zu  Beginn  der  Amtszeit  von  Franz  Josef  Röder,  in  deren  Verlauf  Friedrich  Regitz  die
DPS  in  die  Position  der  Bundes-FDP  abdrängte  und  das  klare  Bekenntnis  der  SPD  zur  Koalition  betonte,
LTDS,  3.  WP,  Abt.  1,68.  Sitzung  v.  18.6.59,  S.  1912.
107  Franz  Josef  Röder,  Leistung  und  Aufgabe.  Rede  am  Landesparteitag  1965  in  Saarbrücken,  Saarbrücken
1965,  S.  3.

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