Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Herausforderungen  der  in  der  Nachkriegszeit  errichteten  Währungs-  und  Zollunion
mit  Frankreich  unter  diesen  Umständen  durch  das  europäische  Statut  eine  befriedigende
  Lösung  erfahren  konnten."
Abgesehen  von  der  völlig  anders  gearteten  Konstellation  auf  internationaler  Ebene
waren  an  der  Entscheidungsfindung  des  Jahres  1955  auch  alle  politischen  Kräfte  im
Saarland  prinzipiell  gleichberechtigt  beteiligt.  Den  im  Heimatbund  zusammengeschlossenen
  „Nein-Sagem“  stand  eine  breite  Front  gesellschaftlicher  und  politischer
Kräfte  gegenüber,  die  sich  in  der  politischen  Auseinandersetzung  nachdrücklich  und
mit  nennenswertem  Erfolg  für  das  europäische  Statut  einsetzten.  Immerhin  konnten
die  „Ja-Sager“  fast  genau  ein  Drittel  der  Abstimmungsberechtigten  von  ihren  Argumenten
  überzeugen  -  und  sie  blieben  auch  nach  der  Abstimmung  über  Jahre  hinweg
mit  Parteien  und  Fraktionen  in  der  saarländischen  Politik  präsent.  Faktisch  brachte
das  Referendum  von  1955  somit  zwar  das  Ende  des  teilautonomen  Saarstaates,  die
Integration  des  demokratischen  Gemeinwesens  in  die  föderal  strukturierte  Bundesrepublik
  stellte  aber  eine  besondere  Herausforderung  dar,  erforderte  sie  doch  die  grundlegende
  Neudefmition  von  Landespolitik  unter  völlig  veränderten  Bedingungen.  Von
der  Integration  des  Saarlandes  in  die  Bundesrepublik  in  Analogie  zu  den  Jahren  nach
der  ersten  Saarabstimmung  als  einer  „Rückgliederung“  zu  sprechen,  wie  dies  teilweise
  bis  heute  geschieht,  erscheint  daher  als  wenig  angemessen.
Abzulehnen  ist  dieser  Begriff  vor  allem  auch  deshalb,  weil  er  von  der  Dynamik  der
Entwicklung  beider  Partner  bei  der  Integration  des  Saarlandes  in  die  Bundesrepublik
ablenkt.  Der  oben  erwähnte  Konsens  über  das  Jahr  1957  als  Zäsur  in  der  bundesdeutschen
  Geschichte  basiert  im  wesentlichen  auf  der  Wiederentdeckung  der  60er  Jahre
als  „zweite  formative  Phase  der  Bundesrepublik“.5 6  Die  „intellektuelle  Selbstanerkennung
  der  Bundesrepublik  als  westliche  Demokratie  [ist  als]  das  Ergebnis  eines  sich  in
den  60er  Jahren  wandelnden  Gesellschafts-,  Politik-  und  Institutionenverständnisses“
anzusehen.7  Charakteristisch  für  die  60er  Jahre  ist,  daß  in  Themengebieten  wie
Finanz-  und  Rechtspolitik,  Bildung  oder  Raumordnung  „Politik  nicht  nur  reaktiv,
sondern  aktiv  und  gestaltend“  die  inneren  Strukturen  der  bundesdeutschen  Verhältnisse
  zu  bearbeiten  begann.  Nicht  nur  das  Saarland  war  also  nach  dem  Referendum
grundlegenden  Veränderungen  seiner  gesellschaftlichen,  politischen  und  wirtschaftlichen
  Strukturen  ausgesetzt,  die  60er  Jahre  stellten,  „eingeklemmt  zwischen  Adenauer-Zeit
  und  68em“,  auch  in  der  Bundesrepublik  eine  „Zeit  vergessener  Anfänge“  dar.8
5  Vgl.  die  Zusammenfassung  der  wichtigsten  Argumentationsstränge  bei  Armin  Heinen,  Marianne  und
Michels  illegitimes  Kind.  Das  Saarland  1945-1955  in  der  Karikatur,  in:  Hudemann,  Jellonnek  u.  Rauls
(Hgg.),  Grenz-Fall,  S.  45-62.
6  Hermann  Rudolph,  Mehr  Stagnation  als  Revolte.  Zur  politischen  Kultur  der  sechziger  Jahre,  in:  Martin
Broszat  (Hg.),  Zäsuren  nach  1945.  Essays  zur  Periodisierung  der  deutschen  Nachkriegsgeschichte,
Oldenbourg  1990,  S.  141-151,  hier:  S.  142.
7  Klaus  Schönhoven,  Aufbruch  in  die  sozialliberale  Ära.  Zur  Bedeutung  der  60er  Jahre  in  der  Geschichte
der  Bundesrepublik,  in:  Geschichte  und  Gesellschaft  25  (1999),  S.  123-145,  hier:  S.  125.
*  Hermann  Rudolph,  Eine  Zeit  vergessener  Anfänge:  Die  sechziger  Jahre,  in:  Werner  Weidenfeld  u.
Wilhelm  Bleek  (Hgg.),  Politische  Kultur  und  Deutsche  Frage.  Materialien  zum  Staats-  und  Nationalbe¬13


            
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