Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Diskussion  über  den  Gang  der  Verhandlungen  zum  Saarvertrag,  was  die  Fraktionen
von  CDU,  CVP  und  SPD  gemeinsam  verhinderten,1'2  genauso  wie  Ney  auch  noch  in
der  Regierungserklärung  am  13.  Dezember  1956  dem  Parlament  die  Möglichkeit
einer  inhaltlichen  Diskussion  faktisch  zu  verweigern  suchte.9’  In  dieser  Sitzung
jedoch  ging  diese  Strategie  nicht  völlig  auf:  Zwar  hielten  sich  die  Minister  seiner
Regierung  auch  in  den  Erklärungen  zu  den  von  ihnen  zu  verantwortenden  Sachbereichen
  an  die  eher  defensive  Linie,  bekanntlich  scherte  aber  die  DPS  aus  dieser  gemeinsamen
  Linie  der  Heimatbundregierung  nun  endgültig  aus.* 94
Wie  schwierig  die  Neuordnung  der  politischen  Verhältnisse  im  Saarland  nach  dem
Eklat  im  Dezember  1956  war,  zeigt  sich  bereits  in  der  recht  langen  Zeitspanne  bis  zur
Neubildung  einer  Regierung.  Trotz  der  „latenten  Regierungskrise“95  dauerte  es  bis
Juni  1957,  bis  der  -  zwischenzeitlich  bereits  zurückgetretene  -  Ministerpräsident
Hubert  Ney  durch  Egon  Reinert  abgelöst  werden  konnte.96  In  diesen  Monaten  veränderte
  sich  der  Stil  der  Zusammenarbeit  von  Regierung  und  Parlament  stark.  Schon
in  der  Debatte  über  einen  Antrag  der  DPS  zur  Frage  des  „sozialen  Besitzstandes“,97
endgültig  aber  bei  der  Lesung  des  „Gesetz  über  steuerliche  Maßnahmen  im
Saarland“9*  trat  deutlich  zutage,  daß  nunmehr  dem  Parlament  eine  größere  Bedeutung
für  die  Austragung  und  Darstellung  von  Konflikten  zwischen  den  Parteien99  zukam.
Nachkriegszeit  durch  verschiedene  Ministerpräsidenten  gewählten  Strategie  verstanden  werden.  Ott  als
Regierungschefs  von  Ailparteienkabinetten  gewählt  bzw.  von  der  Besatzungsmacht  eingesetzt,  konnten  sie
die  Austragung  von  politischen  Konflikten  mit  Hinweis  auf  die  weitreichenden  Probleme  und  die  daher
gebotene  „Sachlichkeit“  in  ihrer  Behandlung  zeitweise  verhindern,  vgl.  Foelz-Schroeter,  Föderalistische
Politik,  S.  147.
1.2  Über  diesen  Antrag  kam  es  zu  einer  bemerkenswert  scharfen  Debatte,  LIDS,  3.  WP,  Abt.  I,  22.  Sitzung
v.  27.11.56,  S.  566-569.
1.3  Ney  legte  in  seiner  Eröffnungsrede  zwar  die  wichtigsten  Verhandlungsgegenstände  und  auch  Teile  des
Verhandlungsverlaufs  dar,  nannte  aber  praktisch  nur  Informationen,  die  auch  über  die  Presse  bereits
bekannt  waren.  Eine  weitergehende  Systematisierung  des  Themas  oder  gar  eine  Erklärung  der  politischen
Zusammenhänge  unterblieb  völlig,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  24.  Sitzung  v.  13.12.56,  S.  6021T.
94  Interessant  ist  der  Umstand,  daß  Heinrich  Schneider  in  seiner  Eröffnungsrede  zur  Aussprache  den  Stil
der  Regierungserklärungen  zum  Anlaß  für  seine  später  inhaltlich  begründete  Kritik  nutzte,  wenn  er  den
Charakter  der  Sitzung  als  „Feierstunde“  mit  dem  Hinweis  darauf  bezweifelte,  daß  die  Minister  hauptsächlich
  vorgefertigte  Redemanuskripte  vorgelesen  haben,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  24.  Sitzung  v.  13.12.56,
S.621.
95  So  Friedrich  Regitz,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  34.  Sitzung  v.  6.5.57,  S.  948.
96  ln  der  Literatur  wird  üblicherweise  die  Regierungskrise  als  die  wichtigste  Phase  in  den  Einigungsbemühungen
  zwischen  CDU  und  CVP  dargestellt.  Sicherlich  erreichten  zumindest  die  innerparteilichen
Verwerfungen  in  der  CDU  in  dieser  Phase  ihren  Höhepunkt,  so  zuletzt:  Gestier  u.  Herrmann,  Christliche
Einigung,  S.  297fif.  Dabei  wird  leicht  übersehen,  daß  ähnliche  Konflikte  sich  auch  innerhalb  der  DPS
abspielten;  schließlich  entschied  man  sich  nach  heftigen  Auseinandersetzungen  doch  für  den  Eintritt  in  die
Heimatbundregierung  Reinerts,  eine  Entscheidung,  der  Heinrich  Schneider  aus  der  Perspektive  der
Koalitionsentscheidung  des  Jahres  1961  Vorbildcharakter  zuwies:  Den  Austritt  aus  der  Regierung  im  Jahr
1959  bezeichnete  er  rückblickend  als  die  größtmögliche  „politische  Dummheit“,  da  die  DPS  ohne  Regierungsbeteiligung
  gravierende  Nachteile  zu  befurchten  habe.  Heinrich  Schneider,  Wunder,  S.  497ff.
97  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  29.  Sitzung  v.  14.2,57,  S.  792tT.
98  LTDS,  3.  WP,  Abt.  1,  31.  Sitzung  v.  18.3.57,  S.  855ff.
99  Genauso  übrigens  auch  wie  zur  Austragung  von  innerparteilichen  Konflikten,  wie  sich  am  Beispiel  der

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