Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

weise  mit  Abstand)  mindestens  die  relative  Mehrheit,  also  auch  in  den  Gebieten,  in
denen  sie  auf  Kreisebene  gar  nicht  die  höchsten  Stimmenanteile  auf  sich  vereinen
konnte.  6  Die  Interpretation  dieses  Wahlergebnisses  und  seiner  Folgen  für  die  Arbeit
der  Parteien  ist  daher  sehr  schwierig.  Sicherlich  bedeutete  die  Stärkung  der  CDU
eine  Klarstellung  im  Kräfteverhältnis  mit  der  CVP  und  insofern  einen  Erfolg  für  die
Kräfte,  die  eine  schnelle  Vereinigung  der  beiden  Parteien  noch  vor  der  Kommunalwahl
  hinausgezögert  hatten.  s  Darüber  hinaus  stellte  dieser  Erfolg  aber  auch  die
Arbeit  der  CDU  auf  eine  neue  institutionelle  Grundlage.  Erstmals  verfügte  die  Partei
über  eine  große  Basis  von  Multiplikatoren,  die  durch  ihre  politische  Tätigkeit  und
ihren  Status  als  Mandatsträger  problemlos  in  den  Informationsfluß  und  die  Meinungsbildung
  einbezogen  werden  konnten.  Im  Gegensatz  dazu  fiel  das  Ergebnis  der  SPD
enttäuschend  aus.  Hatten  die  Christdemokraten  die  absolute  Zahl  an  Gemeinderatssitzen
  gegenüber  der  vorhergehenden  Wahl  sogar  noch  leicht  ausbauen  können,
mußten  die  frisch  vereinigten  Sozialdemokraten,  von  ihrem  Wahlergebnis  1949  aus
betrachtet,  per  Saldo  sogar  noch  ca.  200  Sitze  abgeben.  Möglicherweise  ist  dies  als
Beleg  für  die  von  Cahn  kritisierte  mangelnde  Sensibilität  auf  SPD-Bundesebene  für
die  Bedeutung  der  Kommunalwahlen  zu  sehen;  auf  jeden  Fall  scheiterte  der  Versuch,
die  Sozialdemokratie  insgesamt  zu  stärken,  noch  viel  weitgehender  als  anhand  einer
Betrachtung  der  relativen  Stimmenanteile  erkennbar.70  Es  deutete  sich  an,  daß  der
Weg  der  SPD  zur  zweitstärksten  politischen  Kraft  im  Saarland  sehr  mühsam  sein
würde.80

76  Die  CDU  war  z.B.  im  Landkreis  St.  Ingbert  der  CVP  im  Stimmenanteil  klar,  und  zwar  mit  27%:3  1,1%
unterlegen,  führte  jedoch  bei  der  Zahl  der  errungenen  Gemeinderatssitze  ebenso  eindeutig  mit  1  10:89.
Ganz  allgemein  muß  festgestellt  werden,  daß  Bedeutung  und  Funktion  von  kommunalpolitischer  Arbeit
in  Parteien  bislang  sehr  wenig  Berücksichtigung  in  der  Forschung  fand  Methodische  Hinweise  finden  sich
bei  Paul  Kevenhörster,  Parallelen  und  Divergenzen  zwischen  gesamtsystemarem  und  kommunalem
Wahlverhalten,  in:  Horst  Kanitz  u.  Paul  Kevenhörster  (Hgg.),  Kommunales  Wahlverhallen,  Bonn  1976  (=Studien
  zur  Kommunalpolitik  4),  S.  241-283,  der  die  Bedeutung  „kommunaler  Partei  Systeme“  besonders
betont,  aber  kaum  Hinweise  auf  die  Bedeutung  von  Kommunalwahlen  für  die  Landespolitik  liefert.
Aufschlußreich  ist  in  diesem  Zusammenhang  der  Hinweis  von  Holtmann,  der  den  stark  normativen  und  auf
die  „Input-Seite“  ausgerichteten  Ansatz  in  der  Politikwissenschaft  kritisiert:  „Sie  [die  Landesparteien]  sind
vielmehr  aufgrund  ihrer  Positionierung  an  den  Schnittstellen  von  Vertretungs-  und  Verwaltungsorganen,
im  Zusammenwirken  mit  privaten  (verbandlichen)  und  staatlichen  bzw.  kommunalen  Akteuren,  auch  an
der  Erarbeitung  von  Problemlösungsvorschlägen  und  Festlegung  entsprechender  Handlungsprioritäten
beteiligt.“,  Holtmann,  Regionale  Parteien,  S.  72.
k  Teilweise  bedeutete  dieses  Ergebnis  eine  Stärkung  der  Vertreter  einer  harten  Linie  gegen  die  CVP,  zu
denen  neben  Hubert  Ney  anfangs  wohl  auch  Franz  Josef  Röder  gezählt  werden  muß,  Cahn,  Christliche
Parteien,  S.  303.  Nach  Bauer,  CDU,  S.  61,  war  die  Ablehnung  eines  „Burgfriedens“  zwischen  den  Parteien
vor  der  Kommunalwahl  auch  auf  den  Einfluß  der  Bonner  CDU-Spitze  zurückzuführen,  andererseits
existierten  It.  Gestier  u.  Herrmann,  Christliche  Einigung,  S.  287,  auch  bei  dieser  Wahl  schon  einige
gemeinsame  Listen  von  CVP  und  CDU.
9  Cahn,  Sozialistische  Einheit,  S.  617.
Ml  Zur  Bedeutung  von  Erfolgen  bei  Kommunalwahlen  für  die  Entwicklung  der  SPD  im  Ruhrgebiet  Ende
der  50er  Jahre  siehe  Bernd  Faulenbach,  Modernisierung  der  Partei  und  Sozialdemokratisierung  der  Region.
Der  SPD-Bezirk  Westliches  Westfalen  von  1949  bis  1969,  in:  ders.,  Günther  Högl  u.  Karsten  Rudolph
(Hgg.),  Vom  Außenposten  zur  Hochburg  der  Sozialdemokratie.  Der  SPD-Bezirk  Westliches  Westfalen
1893-1993,  2.  Aufl.  Essen  1998,  S.  210-221,  hier:  S.  215.

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