Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

auf  das  kooperative  Konzept  der  „strategischen  Grundlinie“  der  „Gemeinsamkeit“  als
überzeugendere  Alternative  zur  Regierung  darzustellen  versuchte.64
3.2 Wahlen  und  Regierungsbildungen
3.2.  /  Der  mühsame  Weg  der  SPD  zur  zweiten  Kraft
Welchen  Niederschlag  fand  die  Aufarbeitung  der  jüngsten  saarländischen  Geschichte
im  Wählerverhalten?  Nachdem  der  „Spuk“  des  Abstimmungskampfes  unmittelbar
nach  dem  23.  Oktober  1955  sein  plötzliches  Ende  gefunden  hatte,  war  die  innenpolitische
  Situation  im  Saarland  so  offen  wie  seit  einem  Jahrzehnt  nicht  mehr.  Der
Rücktritt  von  Johannes  Hoffmann  hatte  -  obwohl  die  Ablösung  seiner  Regierung
eines  der  wichtigsten  gemeinsamen  Ziele  der  Heimatbundparteien  gewesen  war  ~65
viele  Fragen  aufgeworfen.  Die  Restrukturierung  der  politischen  Landschaft  zwischen
Volksabstimmung  und  Regierungsbildung  durch  den  Heimatbund  erinnern  dabei
stark  an  die  unmittelbare  Nachkriegszeit.66  Mit  der  Übergangsregierung  unter  Heinrich
  Welsch67  wurde  ein  Kabinett  aus  politisch  „unbelasteten“  und  für  die  internationalen
  Partner  akzeptablen  Personen  quasi  eingesetzt,  das  sich  aufgrund  des  persönlichen
  Profils  der  Minister  auch  auf  einen  gewissen  Vertrauensvorschuß  bei  den
Saarländern  berufen  konnte.  Nach  außen  hin  sah  das  Kabinett  seine  Aufgabe  vor
allem  in  der  Bewahrung  von  Ruhe  und  Ordnung  und  einem  geregelten  Übergang  bis
zur  Neuwahl  des  Landtags.68  Ein  sehr  wichtiger  Unterschied  zur  Nachkriegszeit
bestand  jedoch  darin,  daß  die  Zulassung  von  Parteien  nicht  an  eine  weitergehende
Überprüfung  der  von  ihnen  vertretenen  politischen  Positionen  geknüpft  war.69  Nicht
einmal  die  Zustimmung  zum  als  Votum  für  Deutschland  interpretierten  Abstimmungsergebnis
  vom  23.  Oktober  1955  stellte  eine  Zutrittsschwelle  zum  politischen

64  Bouvier,  SPD,  S.  76ff.
65  Eingängig  und  bis  heute  lebendig  war  der  Wahlslogan  „Der  Dicke  muß  weg“;  zur  symbolischen
Bedeutung  siehe  Albert  H.V.  Kraus,  Die  Saarfrage  (1945-1957)  im  Spiegel  der  Publizistik.  Die  Diskussion
um  das  Saarstatut  vom  23.10.54  und  sein  Scheitern  in  der  deutschen,  saarländischen  und  französischen
Presse,  Saarbrücken  1988;  Paul,  Bastion,  S.  46,  Heinen,  Marianne  und  Michel,  S.  51.
66  Zur  Errichtung  des  Regierungspräsidiums:  Heinen,  Saarjahre,  S.  64;  Michael  Sander,  Die  Entstehung  der
Verfassung  des  Saarlandes,  in:  Landtag  des  Saarlandes  (Hg.),  40  Jahre  Landtag  des  Saarlandes  1947-1987,
Dillingen  1987,  S.  9-40,  hier:  S.  11-15.
h7  Biographische  Daten  zu  Welsch  siehe:  Hans-Christian  Herrmann,  Sozialer  Besitzstand,  S.  525f.  Kritisch
zu  Wclschs  Funktionen  im  NS-Staat:  Klaus-Michael  Mallmann  u.  Gerhard  Paul,  Herrschaft  und  Alltag.
Ein  Industrierevier  im  Dritten  Reich,  Bonn  1991  (=  Hans-Walter  Herrmann  (Hg.),  Widerstand  und
Verweigerung  im  Saarland  1935-1945  Bd.  2),  S.  3001T.
68  Sehr  deutlich  wurde  dieses  Selbstverständnis  im  Rahmen  des  Notenwechsels  mit  de  Carbonnei  im
November  1955,  LASB  AA  454,  Note  der  saarländischen  Regierung  an  de  Carbonnei  v.  8.1  1.55.
69  Die  Erstzulassung  von  Parteien  im  Saarland  nach  dem  Krieg  und  deren  Beeinflussung  in  programmatischer
  Hinsicht  war  -  zunächst  nach  Besatzungsrecht,  dann  nach  eigener  gesetzlicher  Regelung  des
Saarlandes  organisiert  -  einer  der  zentralen  Kritikpunkte  im  Zusammenhang  mit  der  Gewährung  von
politischen  Freiheiten  an  der  Saar,  Winfried  Becker,  Die  Entwicklung  der  Parteien  im  Saarland  1945  bis
1955  nach  französischen  Quellen,  in:  Hudemann  u.  Poidevin  (Hgg.),  Saar,  S.  253-296,  sowie  die  einschlägigen
  Artikel  in:  Richard  Stöss  (Hg,),  Parteien-Handbuch.  Die  Parteien  der  Bundesrepublik  Deutschland
  1945-1980,  Opladen  1984.

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