Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

durch  die  veränderte  Bedeutung  der  Vergangenheitsbewältigung  für  die  Politik  im
Saarland  außerordentlich  günstiges  Ergebnis  ein.  Der  DPS  war  als  Koalitionspartner
die  Beschäftigung  mit  ihrer  problematischen  Haltung  zur  Beitrittserklärung  aufgegeben,51'
  der  SVP  als  möglicherweise  für  Abweichler  aus  eigenen  Reihen  interessante
Alternative  war  die  Spitze  ihres  Alleinvertretungsanspruchs  für  die  Zeit  vor  1956
genommen.
Für  die  SPD  bedeutete  diese  neue  Grundlage  einer  Regierungsbildung  die  Notwendigkeit,
  eine  grundsätzlich  neue  Form  von  oppositionellem  Verhalten  zu  entwerfen.
Als  erstes  der  neuen  Versatzstücke  einer  Oppositionsstrategie  konstatierte  die  SPD
hierbei  einen  „gewissen  Rechtsruck  in  der  Politik  unseres  Landes“  und  nahm  damit
die  DPS  ins  Visier.”0  Ein  weiterer  wichtiger  Punkt  bestand  in  der  faktischen  Kündigung
  der  Gemeinsamkeit  mit  der  CDU,  die  Grundlage  der  gemeinsamen  Vorbereitung
  und  Ausgestaltung  der  Übergangszeit  gewesen  war.  Durch  den  Vorwurf,  gewisse
  Versäumnisse  in  der  Übergangszeit  seien  auf  die  Unfähigkeit  der  CDU  zurückzuführen,
  die  sich  gegenüber  Bonn  nicht  genügend  durchgesetzt  habe,* 61  fand  die  SPD
zwar  einen  Ansatzpunkt  für  Kritik  gegenüber  der  neuen  Regierung,  akzeptierte  damit
aber  praktisch  die  von  Röder  gesetzte  Grundlegung  der  „neuen“  saarländischen
Politik  mit  der  Beitrittserklärung.  Schließlich  versuchten  die  Sozialdemokraten
nachdrücklich,  das  Profil  ihrer  Partei  als  Vertretung  der  Arbeiterinteressen  zu  schärfen,62
 63  Damit  beschritt  die  SPD  im  Saarland  einen  in  gewisser  Weise  untypischen
Weg.  Ihre  Beteiligung  an  einem  Quasi-Allparteienkabinett  nach  dem  Referendum
könnte  als  eine  Art  Rückgriff'  auf  ein  für  die  deutschen  Länder  in  der  frühen  Nachkriegszeit
  typisches  -  wenn  hier  auch  unzeitgemäßes  -  Koalitionsbildungsmuster  zu
interpretieren  sein.6-'  Ihr  Ausscheiden  aus  der  Regierung  und  die  danach  einsetzende,
schärfer  konfrontative  Abgrenzung  gegenüber  der  Regierung  steht  jedoch  in  krassem
Gegensatz  zur  zeitgenössischen  Strategie  der  Bundes-SPD,  die  sich  unter  Rückgriff'

Diese  Aufgabe  „verfolgte“  die  DPS  über  die  ganze  Legislaturperiode,  so  z.B.  noch  zwei  Jahre  später  bei
einer  Diskussion  um  das  saarländische  Besoldungsgesetz,  LTDS,  4,  WP,  Abt.  I,  36.  Sitzung  v.  17.7.63,
S.  1359.
60  Diese  „von  24  Prozent  auf  13  Prozent  zu  bringen  und  von  den  13  Prozent  noch  weiter  hinunterzubringen“
  wurde  zu  einem  der  wichtigsten  Ziele  erklärt.  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  4.  Sitzung  v.  20.1.61,  S.  54fT.
61  Ebd.,  S.  43ff.
62  Bereits  der  „Aufhänger“  der  Rede  von  Kurt  Conrad,  der  die  Aussprache  zur  Regierungserklärung
eröffhete,  war  in  einem  Sprichwort  gelegt,  nach  dem  es  einem  Lande  gut  gehe,  wenn  es  dem  Bauern  gut
geht,  das  der  Fraktionsvorsitzende  angesichts  der  veränderten  Beschäftigungsverhältnisse  auf  die  Arbeiter
übertrug,  ebd.,  S.  4L  Dabei  mag  es  bereits  in  der  damaligen  Debatte  ein  wenig  skurril  angemutet  haben,
wenn  der  Fraktionsvorsitzende  der  größten  Oppositionspartei  beim  Versuch,  sich  als  der  lnteressenvertreter
  der  Arbeiterschaft  zu  profilieren,  einen  starken,  in  Bonn  durchsetzungsfähigen  Ministerpräsidenten
einforderte  -  und  dies  praktisch  im  ganzen  Verlauf  seiner  Rede  mit  dem  gedruckten  Exemplar  der  vorangegangenen
  Regierungserklärung  eben  dieses  Minsterpräsidenten  in  der  Hand  sprechend,  ebd.,  S.  44fT.
Ähnlich  verhielt  sich  übrigens  Erwin  Müller  (SVP),  ebd.,  S.  48.
63  Uwe  Jun,  Koalitionsbildung  in  den  deutschen  Bundesländern.  Theoretische  Betrachtungen,  Dokumentation
  und  Analyse  der  Koalitionsbildungen  auf  Länderebene  seit  1949,  Opladen  1994,  hier:  S.  106f.,
betrachtet  die  Bildung  von  Allparteienkabinetten  als  typisch  für  die  Entwicklung  der  späteren  Bundesländer
  in  der  Nachkriegszeit.

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