Full text: Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

die Christdemokraten prägend wirken sollte. Die CDU hatte soweit an Autonomie 
gewonnen, daß auf die Möglichkeit einer rückwärtsgewandten Diskussionsweise 
verzichtet werden konnte. Die schrittweise erfolgte Integration der ehemaligen 
Gegner im gleichen Lager war damit auch im Umgang der Landtagsvertreter mitein¬ 
ander erfolgt.'4 Zwar war dieser Vorgang bis zuletzt problematisch geblieben, wie 
sich z.B. bei der Gestaltung des Kommunalwahlgesetzes für die Wahl der Kreis- und 
Gemeinderäte im Jahr 1960 zeigte;"' die Bedeutung des Konflikts über die Vergan¬ 
genheit war aber soweit geschrumpft, daß er prinzipiell auf der Ebene rein innerpar¬ 
teilicher Auseinandersetzungen kanalisiert und ausgetragen werden konnte. 
Dem Koalitionspartner DPS kam diese Reinterpretation der Vergangenheit denkbar 
ungelegen. Nur mit äußerster Mühe gelang es ihrem Fraktionsvorsitzenden, sich aus 
der Defensive zu befreien, in die seine Partei durch Röders Rede gekommen war: 
Seine Versuche, das Verhalten seiner Fraktion und auch verschiedene seiner allzu 
pessimistischen Äußerungen zu rechtfertigen, ließen der Entfaltung einer weiterge¬ 
henden Programmatik keinen Raum.* 56 58 Nicht weniger schwierig gestaltete sich aber 
auch die strategische Situation der Saarländischen Volkspartei (SVP), in der sich 
überwiegend frühere CVP-Politiker zusammengeschlossen hatten, die die Vereini¬ 
gung der Christdemokraten nicht akzeptiert hatten. Ihr krampfhafter Versuch, die 
Regierung und hier insbesondere die CDU für das nicht ausreichende Ausnützen der 
Möglichkeiten der Übergangszeit verantwortlich zu machen, wurde vor allem von 
Norbert Brinkmann mit Hinweis auf den guten Verlauf der Eingliederung schnell 
gekontert.5 Der Versuch hingegen, die „alte“ Gemeinsamkeit aller Parteien zu 
beschwören und das einmütige Einstehen für saarländische Interessen zu fordern, 
erschien demgegenüber als unzeitgemäßer, allzu optimistischer Rückgriff' auf die 
Vergangenheit.5* Damit stellte sich ein aus Sicht der CDU und ihrer Landesregierung 
Regierungstätigkeiten, zumindest aber außerparlamentarische Arbeit profiliert. Röder dagegen, der früh 
bereits zur „Bonner Gruppe“ gezählt wurde und der das Saarland ab 1957 auch im Bundestag vertreten 
hatte, weist ein anderes Karrieremuster auf. Möglicherweise trat so mit Röders Wahl ein Effekt ein, der in 
anderen Bundesländern viel früher bereits stattgefunden hatte. Vgl. zur Biographie Röders: Erich Voltmer, 
Franz Josef Röder. Ein Leben für die Saar, Dillingen 1979; zur parlamentarischen Vertretung des Saar¬ 
landes im Bundestag zwischen politischer Eingliederung und der Bundestagswahl 1957: Martin Schuma¬ 
cher, M.d.B. Volksvertretung im Wiederaufbau 1946-1961. Bundestagskandidaten und Mitglieder der 
westzonalen Vorparlamente. Eine biographische Dokumentation, Düsseldorf 2000, bes. S. 57ff 
54 Detailliert zur Endphase des Vereinigungsprozesses siehe Gestier u. Fierrmann, Christliche Einigung, 
S. 301 ff. Im Parlament erfolgte die Institutionalisierung der Zusammenarbeit bereits am 23.11.58 in der 
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Demokraten, die Auflösung der CVP fand jedoch erst am 19.4.59 statt. 
55 Die in dem Wahlgesetz zunächst vorgesehene Möglichkeit, auch mehrere Kandidatenlisten von einer 
Partei zuzulassen, sollte dazu dienen, einige lokale „Abweichler“ dem ansonsten gefestigten Stimmenblock 
der CDU zuzuführen - so zumindest die Wahrnehmung der anderen. Zum Vorwurf die CDU habe durch 
die Möglichkeit von A- und B-Listen sich elegant ihrer Probleme mit der CVP entledigen wollen, LTDS, 
3. WP, Abt. 1, 88. Sitzung v. 29.9.60, S. 2394ff 
Sft LTDS, 4. WP, Abt. 1, 4. Sitzung v. 20.1.61, S. 52ff 
57 Ebd., S. 68ff Bemerkenswert an dieser Rede war die klare wirtschaftsliberale Ausrichtung, die gegen die 
Eingliederungsprobleme mancher Betriebe die Formel vom natürlichen „Werden und Vergehen” setzte. 
58 Aufschlußreich hierzu v.a. die Rede von Claus Becker, ebd., S. 83ff 
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