Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Territoriums  an  der  mittleren  Saar  bereits  seit  1946  zum  Problem  geworden.  Schon
die  Herauslösung  der  Saar  aus  der  französischen  Besatzungszone  war  auf  teilweise
scharfen  Widerstand  bei  den  anderen  Besatzungsmächten  gestoßen;  erst  recht  fand  sie
Widerspruch  bei  vielen  politischen  Kräften  in  Deutschland.  Nach  der  Gründung  der
Bundesrepublik  entwickelte  sich  die  „Saarfrage“  sehr  rasch  zum  wichtigsten  Problem
im  Prozeß  der  deutsch-französischen  Verständigung  und  der  europäischen  Integration.
  Auch  im  Saarland  selber  formierten  sich  ab  1949/50  politische  Gruppen,  die  die
Autonomie-Politik  des  ersten  Ministerpräsidenten  des  Saarlandes,  des  Christdemokraten
  Johannes  Hoffmann,  nicht  mittragen  wollten.  Zusätzlichen  Zündstoff  lieferten
die  vielfältigen  Schwierigkeiten  bei  der  Lösung  landespolitischer  Probleme,  die  unter
den  besonderen  verfassungsrechtlichen  Rahmenbedingungen  der  Teilautonomie
immer  wieder  zermürbende  und  mit  wechselnden  Koalitionen  geführte  Konflikte
zwischen  Saarländern,  der  Pariser  Zentrale  und  ihrem  Vertreter  in  Saarbrücken,
Gilbert  Grandval,  hervorriefen.  Eine  Lösung  zeichnete  sich  erst  im  Oktober  1954  ab,
als  es  nach  langwierigen  Auseinandersetzungen  auf  internationaler  Ebene  gelang,  ein
europäisches  Statut  für  das  Saarland  zu  formulieren.  Dieses  Statut  sollte  die  völkerrechtliche
  Absicherung  und  in  deren  Gefolge  auch  die  wirtschaftspolitische  Weiterentwicklung
  der  Teilautonomie  gewährleisten.  Das  Projekt  scheiterte  jedoch  ein  Jahr
später  am  Mehrheitswillen  der  saarländischen  Bevölkerung,  die  sich  in  einem  Volksentscheid
  mit  Zweidrittel  der  Abstimmungsberechtigen  dagegen  aussprach.4
Klarheit  war  damit  jedoch  noch  nicht  geschaffen.  Zwar  konnte  das  Abstimmungsergebnis
  kaum  anders  denn  als  ein  Votum  für  Deutschland  interpretiert  werden;  eine
solche  Lösung  stand  aber  formal  betrachtet  gar  nicht  zur  Diskussion,  weil  im  Unterschied
  zur  ersten  Saarabstimmung  vom  13.  Januar  1935  der  nun  zur  Entscheidung
vorgelegte  Entwurf  keine  Option  für  Deutschland  enthielt.  Auch  die  Gründe,  die  zur
Ablehnung  des  Statuts  von  1955  führten,  sind  durchaus  umstritten.  Möglicherweise
hatte  ganz  allgemein  die  Idee  eines  teilautonomen,  auch  politisch  eng  an  Frankreich
angebundenen  Saarstaates  keine  Mehrheit.  Irreparabler  Schaden  war  der  europäischen
Vision  aber  wahrscheinlich  schon  in  dem  Moment  zugefügt  worden,  als  der  Versuch
der  Schaffung  einer  europäischen  politischen  Gemeinschaft  scheiterte;  selbst  bei
manchen  „Ja-Sagern“  herrschten  seitdem  Zweifel  darüber,  daß  die  komplizierten

4 Einen  Überblick  über  die  ältere  Literatur  bieten  Kurt  Walter  Rahn,  Monographische  Literatur  zur
Saarfrage  und  zur  zeitgenössischen  Entwicklung  im  Saargebiet,  in:  Zeitschrift  für  Geschichtswissenschaft
12  (1964),  S.  1281-1290,  und  Hans-Walter  Herrmann,  Literatur  zur  frühen  Nachkriegsgeschichte  des
Saarlandes  1945-1957,  in:  Revue  d'Allemagne  15  (1983),  S.  115-142.  Stadtverband  Saarbrücken,  Regionalgeschichtliches
  Museum  (Hg.),  Von  der  „Stunde  0“  zum  „Tag  X“.  Das  Saarland  1945-1959,  Katalog
zur  Ausstellung  des  Regionalgeschichtlichen  Museums  im  Saarbrücker  Schloß,  Saarbrücken  1990;  Rainer
Hudemann  u.  Raymond  Poidevin  unter  Mitarbeit  v.  Annette  Maas  (Hgg.),  Die  Saar  1945-1955.  Ein
Problem  der  europäischen  Geschichte,  München  1992;  Rainer  Hudemann,  Burkhard  Jellonnek  u.  Bernd
Rauls  unter  Mitarbeit  v.  Marcus  Hahn  (Hgg.),  Grenz-Fall.  Das  Saarland  zwischen  Frankreich  und
Deutschland  1945-1960,  St.  Ingbert  1997  (=  Geschichte,  Politik  und  Gesellschaft.  Schriftenreihe  der
Stiftung  Demokratie  Saarland  1),  und  die  Gesamtdarstellung  von  Armin  Heinen,  Saarjahre.  Politik  und
Wirtschaft  im  Saarland  1945-1955,  Stuttgart  1996,  gewähren  umfassenden  Zugang  zu  Forschungsstand
und  Forschungsgebieten  zum  Saarland  der  Nachkriegszeit.

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