Spannung der innenpolitischen Situation nach dem Abtlauen der ökonomischen Krise
der Jahre 1957/58 setzte sich dann der Kurs des Regierungschefs Reinert langsam
durch.50 So formulierte denn schließlich in der heftigen und emotional geführten Debatte
über die Regierungserklärung anläßlich der zweiten Kabinettsbildung unter
Egon Reinert ausgerechnet Franz Josef Röder wohl am schärfsten pointiert die
Haltung der Christdemokraten. Nachdem bereits Josef Schmitt die Politik der CVP
aus dem „Chaos“ des Jahres 1945 gerechtfertigt hatte - eine typische CVP-Wendung
beschied Röder die DPS folgendermaßen: „Es weiß heute jedes kleine Kind,
daß es für die weitere Entwicklung in unserem Land besser gewesen wäre, wir hätten
schon vor zwei Jahren mit der Vergangenheit Schluß gemacht.“ Angesichts dieser
Vorgeschichte ist somit das Urteil Karl Albrechts über Röder, dieser sei der „Chefpsychologe
der christlichen Einheit“,51 durchaus mehrdeutig zu verstehen.
Nachdem der Wendepunkt im Umgang der Parteien mit der jüngeren Vergangenheit
als politisches Instrument somit bereits längst überschritten war, hatte Franz Josef
Röder im Zuge seiner Regierungserklärung nach der Landtagswahl von 1960 die
Möglichkeit, einen weiteren „Meilenstein“ in der Fortentwicklung des Parteiensystems
zu setzen. Seine Rede stellte den ersten Beitrag von grundsätzlicher Bedeutung
im Saar-Landtag dar, der seinen Ansatzpunkt nicht am 23. Oktober 1955 wählte,
sondern den Tag der Beitrittserklärung, den 13. Dezember 1956, als „Aufhänger“
nahm. Das Saarland, so rief Röder dem Parlament - und der Öffentlichkeit - zu, habe
„sich [darin] zur föderalistischen Struktur der Bundesrepublik“ bekannt.52 Mit diesem
neuen Ansatz saarländischer „Vergangenheitsbewältigung“ deutete sich eine neuerliche
Wendung im Parteiensystem an,5’ die nunmehr über Jahre hinaus vor allem für
frühere Regierungstätigkeit ihrer Partei zu rechtfertigen versucht, siehe: LTDS, 3. WP, Abt. I, 2. Sitzung
v. 10.1.56, S. 29. Nachdem sich Röder jedoch im Laufe des Jahres immer weiter von seiner ursprünglichen
Position distanziert hatte, nutzte er die Enthaltung der CVP bei der dritten Lesung des Jugendschutzgesetzes
zu einem frontalen Angriff, indem er der CVP einen „Rückfall in die Vergangenheit“ bescheinigte,
weil sie die Sachzwänge des Grundgesetzes nicht akzeptieren wolle, LTDS, 3. WP, Abt. 1, 45. Sitzung v.
28.1.58, S. 1241.
0 Der außerordentlich komplizierte Einigungsprozeß der christlichen Parteien wurde permanent von sehr
unterschiedlich wirkenden Faktoren überlagert. Neben den innen- und personalpolitischen Aspekten
spielten stets - wie am Beispiel der Kommunalwahlen 1956 bereits gezeigt - auch die anstehenden
Wahlentscheidungen eine große Rolle. Zu betonen ist hierbei insbesondere die Bedeutung der Bundestagswahl
von 1957, die offensichtlich die formale Zusammenarbeit der Parteien förderte - um nämlich den
drohenden Verlust von Stimmen für das christliche Lager zu verhindern -, andererseits durch die nicht
erfolgte vollständige Vereinigung nach dem Wahltermin neuen Spielraum für taktisch bedingte Konflikte
bot. Siehe hierzu: Gestier u. Hertmann, Christliche Einigung, S. 289.
51 LTDS, 3. WP, Abt. 1,61. Sitzung v. 26.2.59, S. 1751, S. 1760 und S. 1794.
52 LTDS, 4. WP, Abt. 1,3. Sitzung v. 1 7.1.61, S. 16.
" Möglicherweise bedeutet Röders Wahl auch in Hinblick auf sein Karrieremuster eine Neuerung: Gerhard
Lehmbruch, Parteienwettbewerb im Bundesstaat. Regelsysteme und Spannungslagen im politischen
System der Bundesrepublik Deutschland, 3. Aull Wiesbaden 2000, hier: S. 86ff, erkennt in der politischen
Sozialisation der „zweiten Generation“ von Ministerpräsidenten in Deutschland, die im Gegensatz
zu ihren meistens durch Verwaltungstätigkeit geprägten Vorgängern bereits vor ihrer Wahl eine „parlamentarische
Karriere“ absolviert hatten, ein Strukturelement der Personalrekrutierung in den deutschen
Bundesländern nach 1945. Röders Vorgänger hatten sich - im Prinzip alle - über Verwaltungs- oder
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