Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

vorgetragenen  guten  Beziehungen  nach  Bonn.  Bereits  wenige  Wochen  später  konnte
Conrad  einen  weiteren  sozialpolitischen  Vorstoß  der  DPS  -  es  handelte  sich  um
Vorschußzahlungen  für  Rentenempfänger  -  mit  dem  Hinweis  torpedieren,  daß  seine
eigene  Vorlage  zwar  weniger  weitgehend  sei,  er  dafür  aber  bereits  die  Zustimmung
der  Bundesregierung  erhalten  habe.  Damit  konnte  die  SPD-Fraktion  die  Zustimmung
aller  anderen  Fraktionen  praktisch  erzwingen,  da  kein  Politiker  die  politische  Verantwortung
  für  ein  möglicherweise  völliges  Ausbleiben  der  Vorschüsse  übernehmen
wollte.41’  Dieser  Fall  zeigt  aber  auch  Risiken  und  Einschränkungen  der  Strategie  der
SPD.  Erstens  war  die  Partei  damit  auf  einem  Verbleiben  in  der  Regierungsverantwortung
  festgelegt,  denn  nur  aus  dem  Gestaltungsspielraum  und  dem  Informationsvorsprung
  von  Regierungsmitgliedern  heraus  konnte  diese  Strategie  wirksam  verfolgt
werden.4  Und  zweitens  übernahm  die  SPD  mit  dieser  Politik  umfassende  Verantwortung
  für  den  Erfolg  der  von  ihr  initiierten  Maßnahmen.  Eine  negative  Bewertung
der  sozialen  Situation  in  der  Übergangszeit  bzw.  nach  der  Eingliederung  des  Saartandes
  in  die  Bundesrepublik,  soviel  war  klar,  würde  vor  allem  die  SPD  treffen,
insofern  sie  für  sich  selber  die  Stellung  als  sachlich  verantwortlich  reklamierte.
Sehr  viel  unklarer  gestaltete  sich  die  Position  der  Christdemokraten  in  diesem  neuen
Machtverhältnis.  Für  die  CDU  als  Regierungspartei  bedeuteten  die  neuen  Entwicklungen
  im  Parteiensystem  eigentlich  eine  sehr  „komfortable“  Situation.  Da  die
Chance  Für  eine  systematische  Oppositionsarbeit  sich  deutlich  verschlechtert  hatte,
bot  sich  der  CDU  die  Möglichkeit,  die  von  ihr  geführte  Landesregierung  als  ebenso
kundigen  wie  unumstrittenen  Sachwalter  saarländischer  Interessen  darzustellen.
Diese  nutzte  besonders  der  Regierungschef,  als  er  z.B.  im  Juni  1957  bei  der  dritten
Lesung  zum  Haushalt  erstmals  auf  eine  „Generalabrechnung“  mit  der  CVP  und  ihrer
früheren  Finanzpolitik  verzichtete.46 48 49  Andererseits  entwickelte  sich  die  Diskussion  um
das  Verhältnis  zur  mit  ihrer  Vergangenheit  belasteten  CVP  immer  stärker  zum
wirksamen  Instrument  der  innerparteilichen  Auseinandersetzung  um  den  Führungsanspruch
  in  der  Partei.  Sicherlich  sind  ein  Teil  der  Verschärfung  im  Oppositionskurs
der  vor  der  Bundestagswahl  kurzzeitig  als  Landesverband  der  CSU  auftretenden  CVP
und  vor  allem  auch  die  härteren  Attacken  von  Franz  Josef  Röder  gegen  die  ehemalige
Hoffmann-Partei  ab  Anfang  1958  auf  diese  Ursache  zurückzuführen.44  Mit  der  Ent-46
  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  33.  Sitzung  v.  8.4.57,  S.  928fT.
47  Insofern  war  die  strategische  Situation  der  saarländischen  SPD  nicht  weniger  prekär  als  die  ihrer  in
Opposition  stehenden  Parteigenossen  in  Rheinland-Pfalz,  vgl.  Kurt  Thomas  Schmitz,  Opposition  im
Landtag.  Merkmale  oppositionellen  Verhaltens  in  Länderparlamenten  am  Beispiel  der  SPD  in  Rheinland-Pfalz
  1951-1963,  Hannover  1971,  bes.  S.  139.
48  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  36.  Sitzung  v.  12.6.57,  S.  994tT.
49  Sehr  aufschlußreich  ist  die  Debatte  um  das  saarländische  Jugendschutzgesetz:  Franz  Josef  Röder  hatte
noch  Anfang  1957  gemeinsam  mit  zwei  Mitgliedern  der  CVP  einen  eigenen  Antrag  eingebracht,  der  die
gegenüber  der  bundesdeutschen  Gesetzgebung  weitergehenden  saarländischen  Regelungen  im  Filmprüfungsgesetz
  aufrechterhalten  sollte,  und  dabei  ausführlich  auf  dem  Niveau  der  Gemeinsamkeiten  in  der
christlichen  Weltanschauung  argumentiert,  siehe:  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  29.  Sitzung  v.  14.2.57,  S.  787ff.
Mit  ähnlichen  Wendungen  hatte  bereits  unmittelbar  nach  Konstituierung  des  Landtags  die
CVP-Abgeordnete  Maria  Schweitzer  die  Gemeinsamkeiten  zwischen  CDU  und  CVP  herzustellen  und  die

127
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.