Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

selbst  überzeugende  Akzente  zu  setzen;  insbesondere  Heinrich  Schneider  scheint
keinen  Ausweg  aus  dem  „Korsett“  des  saarländischen  Übergangsregimes  gefunden
zu  haben.  Anfangs  überbot  man  sich  noch  mit  der  SPD  hinsichtlich  sozialer  Maßnahmen,42
 43  später  bezeichnete  die  DPS  die  hohen  Sozialleistungen  der  Vergangenheit
als  Anzeichen  einer  Bankrottwirtschaft,44  und  auch  in  Heinrich  Schneiders  persönlichem
  Aufgabenbereich,  der  Wirtschaftspolitik,  fehlten  nennenswerte  Impulse.44  In
dieser  Situation  entwickelten  sich  die  Debattenbeiträge  der  DPS-Fraktion,  soweit  sie
sich  auf  die  jüngste  Vergangenheit  bezogen,  immer  stärker  zu  formelhaften  Äußerungen.
  Zwar  gelang  es  dadurch  immer  noch  von  Zeit  zu  Zeit,  erregte  Diskussionen
auszulösen,  jedoch  liefen  diese  meistens  am  eigentlichen  Beratungsgegenstand  völlig
vorbei.  Zuletzt  gestand  die  DPS  ihre  strategische  Zwangslage  indirekt  sogar  selber
ein:  Nachdem  in  der  Regierungserklärung  zu  Egon  Reinerts  zweitem  Kabinett  von
der  versäumten  Möglichkeit  einer  Allparteienregierung  gesprochen  worden  war,  hielt
Heinrich  Schneider  bei  seiner  Eröffnung  der  Aussprache  den  anderen  Parteien  vor,
durch  ihre  Ablehnung  eines  solchen  Allparteienkabinetts  die  Spaltung  in  der  Bevölkerung
  noch  weiter  zu  vertiefen.  Damit  sprach  ausgerechnet  der  ehemalige  „Chef'
des  Heimatbundes  sein  Bedauern  darüber  aus,  daß  er  nicht  an  einer  gemeinsamen
Regierung  mit  seinen  einst  schärfsten  Widersachern  beteiligt  wurde.
Weitreichende  Auswirkungen  hatten  die  Veränderungen  im  Verhältnis  der  Parteien
zueinander  aber  auch  auf  die  Entwicklung  der  sozialdemokratischen  Strategie.
Besonders  in  der  Debatte  am  14.  Februar  1957,  in  der  ein  DPS-Antrag  zur  Wahrung
des  „sozialen  Besitzstands“  zur  Diskussion  stand,  nutzte  die  SPD  die  Chance,  ihr
spezielles  Profil  herauszuarbeiten.  Sie  setzte  sich  gegenüber  der  stark  moralisierenden,
  in  den  Kategorien  der  Auseinandersetzung  um  die  Vergangenheit  vorgetragenen
Position  der  DPS  ab,  indem  sie  sich  als  erfahrenen,  sachkundigen  Experten  darstellte,
der  die  Vor-  und  Nachteile  der  zum  Vergleich  anstehenden  Regelungen  im  Detail
kennt  und,  basierend  auf  diesem  technischen  Expertenwissen,  den  jeweils  optimalen
Weg  rein  sachlich  argumentierend  vorschlagen  kann.45  Weitere  Aspekte  der  Profilierung
  der  SPD  in  der  veränderten  Situation  waren  ihre  des  öfteren  und  stets  pointiert
che  auslöste,  die  jedoch  meistens  auf  Skepsis  traten,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  46.  Sitzung  v.  12.2.58,  S.  1317.
4:  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  42.  Sitzung  v.  20.9.57,  S.  1141  ff.  Zur  Debatte  stand  die  Frage  einer  einmaligen
Teuerungszulage  für  Empfänger  von  Leistungen  aus  der  Renten-,  der  Unfallversicherung  und  der  Kriegsopferversorgung.

43  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  46.  Sitzung  v.  12.2.58,  S.  1295.
44  Mitte  1958  forderte  Schneider  zwar  eine  wirtschaftspolitische  Generaldebatte,  diese  wurde  jedoch  nicht
angesetzt,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  50.  Sitzung  v.  18.6.58,  S.  1497.
45  Die  Hauptlast  dieses  Profilierungsversuchs  trug  Kurt  Conrad,  siehe:  LTDS,  3.  WP,  Abt.  1,  29.  Sitzung
v.  14.2.56,  S.  792ff.  Conrad  hatte  diese  dezidiert  sachlich-technokratische  Herangehensweise  bereits
während  der  Saarvertragsverhandlungen  als  saarländischer  Arbeitsminister  eindeutig  bevorzugt,  wie  man
an  den  früh  erstellten,  umfangreichen  Dossiers  zum  Vergleich  der  Sozialgesetzgebung  in  beiden  Ländern
unschwer  erkennen  kann,  vgl.  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Schreiben  Conrads  an  den
Bundesarbeitsminister  v.  6.2.56  mit  ausführlicher  Darstellung  und  Prognose  zum  sozialpolitischen  Teil  der
Eingliederung.  Dieser  Teil  der  Ausgestaltung  von  Endregelung  (und  Übergangszeit)  war  jedoch  weder  im
Saarvertrag  noch  im  Eingliederungsgesetz  in  größerem  Umfang  berücksichtigt  worden.

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