Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Debatte  sah  allerdings  zunächst  vieles  nach  einem  ruhigen  Sitzungsverlauf  aus:  Nach
erschöpfenden  Reden  von  Regierungsmitgliedern  zu  Inhalt  und  Bedeutung  der
Vereinbarungen  beschränkte  Wilhelm  Kratz  (CDU)  seine  Bewertung  des  Ergebnisses
im  wesentlichen  darauf,  „daß  der  Saarvertrag  gegenüber  dem  Saarstatut  aus  dem
Jahre  1954  einen  wesentlichen  Fortschritt  bedeutet“.33  Zum  Eklat  kam  es,  als  Heinrich
  Schneider  die  Verhandlungsführung,  die  Strategie  der  Saar-Regierung  und  vor
allem  eine  Reihe  von  Verhandlungsergebnissen  angritf.  Die  entscheidende  Wendung
erhielt  diese  Kritik  dadurch,  daß  Heinrich  Schneider  den  seiner  Meinung  nach  unbegründeten
  Eingliederungsoptimismus  der  Landesregierung  einer  Überprüfling  unterzog.
  Im  Gegensatz  zur  Landesregierung  vertraute  er  nicht  darauf,  daß  die  noch
offenen  Fragen  sich  nach  der  Verabschiedung  des  Eingliederungsgesetzes  würden
lösen  lassen,  und  er  bezweifelte  auch,  daß  die  bislang  vereinbarten  Regelungen  ohne
weiteres  die  erwünschte  positive  Entwicklung  im  Saarland  würden  auslösen  können.34
Interessanter  vielleicht  noch  als  die  Kritik  Schneiders  ist  jedoch  die  Reaktion  der
CVP.  Die  Zustimmung  zur  Beitrittserklärung,  so  die  Abgeordnete  Irmgard  Fuest,  sei
für  die  Parlamentarier  nach  dem  23.  Oktober  1955  geradezu  eine  Pflicht;  weitergehende
  Forderungen  zu  stellen  sei  jetzt  nicht  mehr  möglich,  da  das  Saarland  kein
autonomer  Staat  und  daher  auch  kein  Verhandlungspartner  mehr  sei.  Diese  Möglichkeit
  habe  allenfalls  vor  dem  Referendum  bestanden."  Gerade  weil  diese  Argumentation
  unter  verfassungsrechtlicher  Perspektive  als  wenig  überzeugend  einzuschätzen
war,  zeigt  diese  Äußerung  die  Veränderung  im  Verhältnis  der  Parteien  zueinander:
Die  CVP  konnte  darauf  vertrauen,  daß  ihre  politische  Abkehr  von  der  früheren

Wechsels,  so  Schneider,  sei  angesichts  der  laufenden  Debatte  über  den  Saarvertrag  möglicherweise
hilfreich.  Nach  Rückfrage  Gotthard  Lorscheiders  beim  Ministerpräsidenten  erhielt  Schneider  die  von  ihm
gewünschten  Unterlagen  offenbar  nicht  -  die  natürlich  auch  eine  glänzende  Materialgrundlage  für  eine
Debatte  mit  der  CVP  im  Zusammenhang  mit  Saarvertrag  und  Eingliederungsgesetz  abgegeben  hätten.
LASB  AA  266,  Brief  Lorscheider  an  Ney  v.  3.1  1.56.  Schneider  mahnte  nochmal  am  5.12.56  an,  daß  er  in
dieser  Sache  nichts  mehr  gehört  habe;  anscheinend  wurde  sein  Anliegen  schlichtweg  ignoriert.  In  der
parlamentarischen  Debatte  wurden  derartige  Schriftstücke  dann  auch  nicht  zitiert.
33  Das  stenographische  Protokoll  der  Regierungsbeiträge  umfaßt  nicht  weniger  als  knapp  20  Druckseiten,
LTDS,  3.  WP,  Abt.  1,24.  Sitzung  v.  13.12.56,  S.  602-618;  Zitat:  S.  620.
34  Sehr  aufschlußreich  ist  in  diesem  Zusammenhang  der  Teil  der  Debatte,  der  sich  auf  öffentliche  Äußerungen
  des  Bundesarbeitsministers  und  einen  Briefwechsel  mit  der  saarländischen  Landesregierung  von
Anfang  Dezember  1956  bezog:  Anton  Storchs  Einlassungen  wurden  von  den  Eingliederungsoptimisten
zunächst  als  Garantie  des  „sozialen  Besitzstandes“  -  also  der  sozialpolitischen  Leistungen,  die  im  Saarland
günstiger  waren  als  in  der  Bundesrepublik  -  interpretiert  worden.  Das  Bundeskabinett  hatte  jedoch  keinen
Zweifel  daran  gelassen,  daß  Storch  mit  einer  derartigen  Zusage  seine  Kompetenz  sowohl  inhaltlich  als
auch  formal  überschritten  hätte  -  dementsprechend  ruderte  dieser  dann  auch  öffentlich  zurück,  vgl.
Hüllbüsch  (Bearb.),  Kabinettsprotokolle  1956,  S.  759  und  S.  766  (Sitzungen  v.  5.  und  12.12.56).  Damit
war  genau  das  Dilemma  sichtbar  geworden,  das  den  entscheidenden  Punkt  der  Argumentation  von
Heinrich  Schneider  bildete.  Der  saarländische  Arbeitsminister  Kurt  Conrad  hatte  daher  in  der  Parlamentsdebatte
  alle  Schwierigkeiten,  diese  „Storch-Affäre“  aus  der  Debatte  heraus  zu  halten,  vgl.  LTDS,  3.  WP.
Abt.  1,  24.  Sitzung  v.  13.12.56,  S.  616.  Vgl.  hierzu  auch  Edda  Schlesier,  Der  Kampf  um  den  Erhalt  der
sozialen  Errungenschaften  im  Zusammenhang  mit  der  Rückgliederung  des  Saarlandes  1957  im  Spiegel  der
saarländischen  Presse,  (Mag.Arb.)  Saarbrücken  1998,  bes.  S.  49ff.
35  LTDS,  3.  WP,  Abt.  1,24.  Sitzung  v.  13.12.56,  S.  629f.

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