Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

gelegten  Textentwurf.24  Der  konfrontative  Teil  der  Debatte  stand  auch  praktisch
unverbunden  neben  der  schließlich  erfolgten  Einigung.  Nach  Ende  der  inhaltlichen
Debatte  wurde  die  Sitzung  nämlich  für  ca.  drei  Stunden  unterbrochen,  um  das  Konsenspapier
  zu  redigieren.  Zwar  hing  somit  die  Integration  der  CVP  in  die  kooperative
Arbeitsweise  des  Parlamentes  hauptsächlich  davon  ab,  inwieweit  sie  glaubwürdig
darstellen  konnte,  sich  auf  dem  Boden  des  neuen  demokratischen  Konsens’  aus  dem
Referendum  zu  bewegen.  Mit  der  Verabschiedung  der  Grundsatzerklärung  hatte  sich
aber  die  Kooperation  allgemein  als  sinnvolle  und  erfolgreiche  Möglichkeit  zur
Ausgestaltung  der  Arbeit  im  Parlament  erwiesen.  Darüber  hinaus  deutete  sich  an,  daß
die  Möglichkeit  einer  programmatisch  begründeten  Kritik  am  Vorgehen  der  Landesregierung
  in  den  Verhandlungen  über  den  Saarvertrag  im  Parlament  praktisch  nicht
plazierbar  war.  Die  Regierungspolitik  im  engeren  Sinne  stand  angesichts  der  Dominanz
  der  Grundsatzffagen  eigentlich  überhaupt  nicht  zur  Diskussion.  Die  Fragmentierung
  der  Parteienlandschaft  entlang  der  herkömmlichen  ideologischen  Grenzen  wurde
also  nicht  von  der  Frage  des  „nationalen  Bekenntnisses“  überlagert,  vielmehr  lösten
beide  Konfliktlinien  gemeinsam  im  Parlament  einen  erhöhten  Konsensdruck  aus,  der
selbst  eine  konstruktive  Opposition  in  Sachfragen  weitgehend  erschwerte.
Praktisch  wie  eine  Art  Zusammenfassung  der  bisherigen  Feststellungen  wirkt  in  der
Retrospektive  die  Behandlung  der  Frage  nach  den  Symbolen  des  teilautonomen
Saarlandes.25  Noch  im  Januar  1956  hatten  die  Vertreter  der  Kommunistischen  Partei
eine  Gesetzesinitiative  zur  Frage  von  Wappen,  Dienstsiegel  und  Flagge  des  Saarlandes
  gestartet.  Die  Heimatbundparteien  hatten  damals  alle  Mühe,  die  Behandlung
dieser  Anträge  zu  verhindern.  Bereits  zwei  Wochen  später  legten  sie  dann  einen
eigenen  Gesetzesantrag  vor.  Wie  groß  der  Druck  durch  den  kommunistischen  Vorschlag
  dabei  war,  zeigte  sich  auch  daran,  daß  bei  der  ersten  Lesung  eine  Stellungnahme
  von  Seiten  der  Kommunisten  per  Geschäftsordnung  verhindert  wurde.26  Nach
einer  Pause  in  der  parlamentarischen  Beratung,  die  sicherlich  in  der  Rücksichtnahme
auf  die  internationalen  Verhandlungen  begründet  war,  erfolgte  die  Verabschiedung

24  Dieser  wurde  übrigens  mit  den  Stimmen  aller  anderen  Fraktionen  niedergestimmt,  ebd.,  S.  150.
25  Zur  -  teilweise  tragikomischen  -  Vorgeschichte  der  saarländischen  Staatssymbole  siehe:  Heinen,
Saarjahre,  S.  238tT.  Differenzierte  methodische  Überlegungen  zur  Symbolgeschichte  finden  sich  bei:
Armin  Heinen,  Marianne  und  Michels  illegitimes  Kind.  Das  Saarland  1945-1955  in  der  Karikatur,  in:
Hudemann,  Jellonnek  u.  Rauls  (Hgg.),  Grenz-Fall,  S.  45-62.
2A  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  7.  Sitzung  v.  7.2.56,  S.  156.  Brosig,  Verfassung,  S.  213f.,  interpretiert  die  Verfassungsrevision
  der  Übergangszeit  -  insbesondere  der  faktischen,  später  auch  expliziten  Außerkraftsetzung
der  früheren  Präambel  -  als  Ablösung  der  früheren  „Protektoratsverfassung“.  Die  damit  ausgedrückte
Bewertung  ist  allein  schon  insofern  wenig  überzeugend,  als  Brosig  selber  betont,  daß  bei  der  Revision  der
Verfassung  fast  ausschließlich  diejenigen  Punkte  neu  geordnet  wurden,  die  sich  auf  die  internationalen
Abkommen  mit  Frankreich  bezogen,  während  der  demokratische  Kern  des  Verfassungswerks  von  1947  bis
auf  die  bereits  zeitgenössisch  umstrittene  Verfassungskommission  unberührt  blieb,  siehe  ebd.,  S.  221-225.
Weiterhin  dient  die  hier  gewählte  Begrifflichkeit  nicht  dazu,  die  Unterschiede  in  der  Bewertung  der  Phase
des  teilautonomen  Saarlandes  zwischen  den  neuen  Erkenntnissen  der  jüngeren  Saarforschung  und  den
teilweise  noch  stark  vom  Abstimmungskampf  geprägten  älteren  Arbeiten  klarzumachen.

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