Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

dar.  Darin  formulierte  das  Parlament  seine  Interpretation  des  Referendums  und  der
daraus  abzuleitenden  politischen  und  wirtschaftlichen  Konsequenzen  für  die  Eingliederung.
  Die  Parlamentsdebatte  darüber  ist  in  den  Kontext  der  schrittweisen  Erarbeitung
  einer  saarländischen  Position  für  die  kommenden  Saarverhandlungen
einzuordnen.  Sie  steht  außerdem  für  den  Versuch  aus  Bonn,  möglichst  eine  Vertiefung
  der  Spaltung  der  Parteienlandschaft  an  der  Saar  mit  unkontrollierbaren  Folgen  -
zu  sehr  auf  Frankreich  fixierte  ehemalige  Anhänger  des  europäischen  Statuts,  möglicherweise
  aber  auch  zu  energische  Vertretung  saarländischer  Interessen  durch  radikalisierte
  Heimatbundparteien  -  zu  verhindern.  Die  Erklärung  brachte  zwar  in  der  Sache
wenig  Neues,211  ihre  Entstehung  zeigt  jedoch  Veränderungen  in  der  Parlamentsarbeit
und  im  Verhältnis  der  Parteien  zueinander:  Die  Grundsatzerklärung  stellte  ein  Konsenspapier
  dar,  dessen  Hauptteil  in  vor  allem  durch  Vorstellungen  der  CVP  wesentlich
  modifizierter  Form  verabschiedet  wurde.  Hatte  noch  bei  der  Resolution  zur
Röchling-Frage  die  Regierung  sozusagen  „von  oben“  in  die  Parlamentsdebatte  eingreifen
  können  und  müssen,  gelangten  die  Fraktionen  des  Landtags  nun  über  eine
nicht  ausschließlich  konfrontativ  geführte  Debatte  zu  einer  gemeinsamen  Linie.
Trotz  des  am  Ende  gefundenen  Kompromisses  herrschte  aber  im  Debattenverlauf
zunächst  kein  Mangel  an  Schärfe.  Die  SPD  griff  die  Fraktion  der  CVP  in  aller  Härte
an,20 21  und  auch  die  CVP  sparte  nicht  mit  deutlichen  Repliken.22  Insbesondere  aber  die
DPS-Fraktion,  die  den  Großteil  der  streng  rückwärtsgewandten  Diskussion  bestritt,23
aber  auch  einzelne  Vertreter  der  anderen  Parteien  stellten  sich  durch  ihre  Polemik  fast
so  sehr  ins  Abseits  wie  die  Fraktion  der  Kommunisten  mit  ihrem  eigenständig  vor¬20

  Vor  allem  setzte  sie  kaum  Impulse  hinsichtlich  der  politischen  Schwierigkeiten  der  Landesregierung
gegenüber  ihren  internationalen  Partnern.  Der  Text  der  Erklärung  wurde  mehrfach  publiziert,  z.B.  bei
Robert  H.  Schmidt,  Saarpolitik,  Bd.  3  S.  757f.
21  Friedrich  Regitz  (SPD)  wiederholte  den  Vorwurf,  daß  die  CVP  sich  „immer  noch  mehr  an  der  Haltung
des  offiziellen  Paris  als  an  der  Haltung  der  deutschen  Regierung  in  Bonn  orientiere“  und  damit  letztlich
eine  Position  stärke,  die  am  Ende  doch  noch  „aus  dem  Saargebiet  [sic!]  ...  etwa  ein  europäisches  Tanger“
mache.  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  6.  Sitzung  v.  31.1.56,  S.  I  llff.
22  Insbesondere  der  Hinweis,  daß  die  CVP  sich  eindeutig  zu  dem  Ergebnis  der  Volksabstimmung  bekannt
habe,  entwickelte  sich  als  wichtigste  Formel  zur  Verteidigung  gegen  den  impliziten  Vorwurf  des  Vaterlandsverrates,
  siehe  insb.  den  Redebeitrag  von  Franz  Schneider,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  6.  Sitzung  v.
31.1.56,  S.  117.  Von  weitergehender  Bedeutung  ist,  daß  Schneider  mit  seiner  Rede  den  hinter  den
Angriffen  steckenden  Vonvurf  das  Bekenntnis  der  CVP  zum  Ergebnis  der  Volksabstimmung  sei  möglicherweise
  nicht  glaubwürdig,  zu  parieren  suchte.
23  Besonders  Heinrich  Schneider  (DPS)  versuchte,  eine  erneute  Generalabrechnung  mit  der  Regierungszeit
Johannes  Hoffmanns  zu  inszenieren,  die  nicht  nur  völlig  gescheitert  sei,  sondern  deren  einseitige  Anbindung
  an  Frankreich  noch  bis  in  die  Gegenwart  reiche,  insofern  die  Vorlage  der  CVP  eine  Rückübersetzung
aus  dem  Französischen  sei,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  6.  Sitzung  v.  31.1.56,  S.  121  ff.  Diese  recht  weitgehenden
  Angriffe  konterte  die  CVP  mit  dem  Hinweis  auf  die  problematische,  schier  ausweglose  Situation
nach  der  Kapitulation  Deutschlands,  ein  Diskussionsverlauf  der  von  Manfred  Schäfer  (CDU)  treffsicher
als  formelhaft  charakterisiert  wurde:  „Es  ist  offenbar  Übung  geworden,  wenn  von  den  Parteien  der
Regierungskoalition  von  der  Vergangenheit  der  CVP  gesprochen  wird,  daß  diese  ihrerseits  noch  einen
Schritt  zurückgeht  und  sagt:  Ja,  wenn  die  Nazis  nicht  gewesen  wären,  dann  säßen  wir  nicht  hier.“,  ebd.,  S.
137.

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