Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

„unversöhnlichen  Fronten  der  Ja-  und  Nein-Sager“6  eines  der  grundlegenden  Erklärungsmuster
  für  die  Entwicklung  der  Parteien  und  politischen  Strömungen  im
Saarland  zwischen  dem  „frühen  Scheitern“  der  französischen  Saarpolitik  bzw.  dem
Entstehen  einer  prodeutschen  Opposition  Ende  der  40er  Jahre  und  dem  Abstimmungskampf
  Mitte  1955.  Das  überraschend  schnelle  Abklingen  der  Auseinandersetzung
  nach  dem  23.  Oktober  1955  wurde  dagegen  nur  selten  konstatiert.7  ln  jüngster
Zeit  w  ird  jedoch  deutlich,  daß  schon  sehr  früh  nach  der  Volksabstimmung  eine  Reihe
von  Ansätzen  zur  Kooperation,  möglicherweise  gar  zur  Zusammenführung  der
ehemals  durch  die  Referendums  frage  getrennten  politischen  Parteien  begann.8 9  Auch
bei  den  Christdemokraten  war  an  diesen  Bemühungen  durchweg  auch  das  spätere
Führungspersonal  beteiligt;  zu  nennen  sind  beispielsweise  Egon  Reinert  und  Franz
Josef  Röder,  aber  auch  Rolf  Best  (der  spätere  Chef  der  Staatskanzlei)  und  Wilhelm
Kratz  (der  spätere  Landtagspräsident).  Ausgleichende  Wirkung  ist  dabei  auf  jeden
Fall  dem  Obergangskabinett  nach  dem  Rücktritt  der  Regierung  Johannes  Hoffmanns
zuzusprechen.  Dieses  führte  zwar  die  Parteien  nicht  zu  gemeinsamer  Regierungstätigkeit
  zusammen,  mit  Heinrich  Welsch  übernahm  aber  eine  von  allen  Seiten  anerkannte
Persönlichkeit  die  Regierungsgeschäfte,  die  auch  vor  konfliktbehafteten  Personalentscheidungen'f
  nicht  zurückzuschrecken  brauchte.  Dies  entspannte  das  politische
Klima  an  der  Saar  deutlich.

6 Jürgen  Hannig,  Separatisten  -  Nationalisten?  Zum  Abstimmungskampf  1955,  in:  Rainer  Hudemann  u.
Raymond  Poidevin  unter  Mitarbeit  v.  Annette  Maas  (Hgg.),  Die  Saar  1945-1955.  Ein  Problem  der
europäischen  Geschichte,  München  1992,  S.  381-396,  hier:  S.  382.  Diese  These  wird  in  der  älteren
Literatur  nicht  nur  als  Erklärung  für  die  Härte  des  Abstimmungskamples,  sondern  auch  für  die  Schwierigkeiten
  bei  den  Vereinigungsbemühungen  zwischen  den  Parteien  verwendet,  vgl.  Gerhard  Bauer,  Hundert
Jahre  christliche  Politik  an  der  Saar.  Vom  Zentrum  zur  CDU,  Saarbrücken  1981;  Markus  Gestier,  Die
christlichen  Parteien  an  der  Saar  und  ihr  Verhältnis  zum  deutschen  Nationalstaat  in  den  Abstimmungskämpfen
  1935  und  1955,  St.  Ingbert  1991;  zu  den  -  trotz  der  schnell  erfolgten  Vereinigung  -  gravierenden
innerparteilichen  Problemen  bei  den  Sozialdemokraten:  Jean-Paul  Cahn,  Von  der  sozialistischen  Einheit
zum  Bruch  der  Heimatbundregierung.  Sozialdemokratie  an  der  Saar  und  ihr  Verhältnis  zum  Parteivorstand
der  SPD  von  der  Volksabstimmung  bis  zum  Ende  der  Heimatbundregierung  (1955-1957),  in:  Jahrbuch  für
westdeutsche  Landesgeschichte  25  (1999),  S.  603-624.
„Der  Spuk  war  mit  dem  Abstimmungstag  vorbei.“  Hannig,  Separatisten,  S.  383.  Möglicherweise  zeigt
sich  hier  ein  bereits  von  Winfried  Becker  formuliertes  Problem  in  Teilen  der  Forschung,  daß  nämlich  die
„Konzentration  auf  den  deutsch-französischen  Gegensatz  bei  der  Schilderung  des  Saarproblems  wesentliche
  Aspekte  des  innenpolitischen  Lebens  an  der  Saar  während  des  ersten  Nachkriegsjahrzehnts  ausblendet“;
  Winfried  Becker,  Johannes  Hoffmann  und  die  frühe  Programmatik  der  CVP.  Zum  Beginn
christlicher  Parteibildung  im  Saarland  nach  1945,  in:  Revue  d'Allemagne  18  (1986),  S.  25-45,  hier:  S.  44.
'  AufSeiten  der  Christdemokraten  begannen  die  ersten  Treffen  bereits  zwei  Tage  nach  der  Volksabstimmung,
  vgl.  Markus  Gestier  u.  Armin  Herrmann,  Die  Christliche  Einigung  an  der  Saar.  CVP  und  CDU
1955-1959,  in:  Zeitschrift  für  die  Geschichte  der  Saargegend  48  (2000),  S.  276-307,  hier:  S.  281.  Ähnlich
bereits  Jean-Paul  Cahn,  Die  christlichen  Parteien  bei  der  Autfösung  des  saarländischen  Heimatbundes
1956,  in:  Jahrbuch  für  westdeutsche  Landesgeschichte  1  1  (1985),  S.  299-321,  hier:  S.  303.
9  Bereits  erwähnt  wurde  die  Entlassung  des  bisherigen  Generaldirektors  beim  Saarländischen  Rundfunk,
Hermann  Görgen,  siehe:  LASB  StK  1712,  Kabinettsprotokoll  v.  31.10.55.  Ein  heftiger  Schlagabtausch  zu
dieser  Frage  fand  im  saarländischen  Landtag  im  Januar  1956  statt,  als  gegen  die  Stimmen  der  CVP  ein
Untersuchungsausschuß  eingesetzt  wurde,  der  die  Amtsführung  von  Hermann  Görgen  überprüfen  sollte,
vgl.  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  3.  Sitzung  v.  17.1.56,  S.  60tT.
            
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