„unversöhnlichen Fronten der Ja- und Nein-Sager“6 eines der grundlegenden Erklärungsmuster
für die Entwicklung der Parteien und politischen Strömungen im
Saarland zwischen dem „frühen Scheitern“ der französischen Saarpolitik bzw. dem
Entstehen einer prodeutschen Opposition Ende der 40er Jahre und dem Abstimmungskampf
Mitte 1955. Das überraschend schnelle Abklingen der Auseinandersetzung
nach dem 23. Oktober 1955 wurde dagegen nur selten konstatiert.7 ln jüngster
Zeit w ird jedoch deutlich, daß schon sehr früh nach der Volksabstimmung eine Reihe
von Ansätzen zur Kooperation, möglicherweise gar zur Zusammenführung der
ehemals durch die Referendums frage getrennten politischen Parteien begann.8 9 Auch
bei den Christdemokraten war an diesen Bemühungen durchweg auch das spätere
Führungspersonal beteiligt; zu nennen sind beispielsweise Egon Reinert und Franz
Josef Röder, aber auch Rolf Best (der spätere Chef der Staatskanzlei) und Wilhelm
Kratz (der spätere Landtagspräsident). Ausgleichende Wirkung ist dabei auf jeden
Fall dem Obergangskabinett nach dem Rücktritt der Regierung Johannes Hoffmanns
zuzusprechen. Dieses führte zwar die Parteien nicht zu gemeinsamer Regierungstätigkeit
zusammen, mit Heinrich Welsch übernahm aber eine von allen Seiten anerkannte
Persönlichkeit die Regierungsgeschäfte, die auch vor konfliktbehafteten Personalentscheidungen'f
nicht zurückzuschrecken brauchte. Dies entspannte das politische
Klima an der Saar deutlich.
6 Jürgen Hannig, Separatisten - Nationalisten? Zum Abstimmungskampf 1955, in: Rainer Hudemann u.
Raymond Poidevin unter Mitarbeit v. Annette Maas (Hgg.), Die Saar 1945-1955. Ein Problem der
europäischen Geschichte, München 1992, S. 381-396, hier: S. 382. Diese These wird in der älteren
Literatur nicht nur als Erklärung für die Härte des Abstimmungskamples, sondern auch für die Schwierigkeiten
bei den Vereinigungsbemühungen zwischen den Parteien verwendet, vgl. Gerhard Bauer, Hundert
Jahre christliche Politik an der Saar. Vom Zentrum zur CDU, Saarbrücken 1981; Markus Gestier, Die
christlichen Parteien an der Saar und ihr Verhältnis zum deutschen Nationalstaat in den Abstimmungskämpfen
1935 und 1955, St. Ingbert 1991; zu den - trotz der schnell erfolgten Vereinigung - gravierenden
innerparteilichen Problemen bei den Sozialdemokraten: Jean-Paul Cahn, Von der sozialistischen Einheit
zum Bruch der Heimatbundregierung. Sozialdemokratie an der Saar und ihr Verhältnis zum Parteivorstand
der SPD von der Volksabstimmung bis zum Ende der Heimatbundregierung (1955-1957), in: Jahrbuch für
westdeutsche Landesgeschichte 25 (1999), S. 603-624.
„Der Spuk war mit dem Abstimmungstag vorbei.“ Hannig, Separatisten, S. 383. Möglicherweise zeigt
sich hier ein bereits von Winfried Becker formuliertes Problem in Teilen der Forschung, daß nämlich die
„Konzentration auf den deutsch-französischen Gegensatz bei der Schilderung des Saarproblems wesentliche
Aspekte des innenpolitischen Lebens an der Saar während des ersten Nachkriegsjahrzehnts ausblendet“;
Winfried Becker, Johannes Hoffmann und die frühe Programmatik der CVP. Zum Beginn
christlicher Parteibildung im Saarland nach 1945, in: Revue d'Allemagne 18 (1986), S. 25-45, hier: S. 44.
' AufSeiten der Christdemokraten begannen die ersten Treffen bereits zwei Tage nach der Volksabstimmung,
vgl. Markus Gestier u. Armin Herrmann, Die Christliche Einigung an der Saar. CVP und CDU
1955-1959, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 48 (2000), S. 276-307, hier: S. 281. Ähnlich
bereits Jean-Paul Cahn, Die christlichen Parteien bei der Autfösung des saarländischen Heimatbundes
1956, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 1 1 (1985), S. 299-321, hier: S. 303.
9 Bereits erwähnt wurde die Entlassung des bisherigen Generaldirektors beim Saarländischen Rundfunk,
Hermann Görgen, siehe: LASB StK 1712, Kabinettsprotokoll v. 31.10.55. Ein heftiger Schlagabtausch zu
dieser Frage fand im saarländischen Landtag im Januar 1956 statt, als gegen die Stimmen der CVP ein
Untersuchungsausschuß eingesetzt wurde, der die Amtsführung von Hermann Görgen überprüfen sollte,
vgl. LTDS, 3. WP, Abt. I, 3. Sitzung v. 17.1.56, S. 60tT.