Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

zu:  Über  die  üblichen  Funktionen  regionaler  Parteiverbände  hinaus1 4 5  hatte  sich  in  den
letzten  Monaten  vor  dem  Abstimmungskampf  die  innersaarländische  Diskussion  über
die  nationale  Zukunft  des  Saarlandes  immer  stärker  auf  den  Konflikt  zwischen
Parteien  konzentriert."  Dabei  verlief  die  Frontstellung  quer  zu  den  ideologischen  und
programmatischen  Trennlinien  im  deutschen  -  und  auch  früheren  saarländischen  -
Parteiensystem.  Dies  öffnet  den  Blick  auf  die  politische  Bewältigung  der  Eingliederungsaufgabe
  gegenüber  seiner  Fixierung  auf  das  Handeln  zahlenmäßig  kleiner
(Partei-  und  Parlaments-)EJiten:  Insofern  sich  die  Parteien  mit  ihrer  Politik  in  der
Übergangszeit  mehrfach  dem  Votum  der  Wähler  stellen  mußten  und  das  Ergebnis
dieser  Wahlen  eine  wichtige  Vorbedingung  von  Regierungsbildung  war,  kann  eine
Untersuchung  der  Ergebnisse  dieser  Wahlen  weitergehenden  Aufschluß  über  die
Eingliederung  als  politischen  Prozeß  bieten.
Schließlich  soll  im  folgenden  die  öffentliche  Haushaltswirtschaft  im  Saarland  untersucht
  werden.  Dies  nicht  nur,  weil  die  Budgets  „in  Zahlen  gegossenes  Regierungsprogramm“
  und  somit  zentraler  Gegenstand  parlamentarischer  Kontrolle  sind;  auch
der  stark  von  tinanzwirksamen  Entscheidungen  geprägte  Überleitungsvorgang  in  die
Bundesrepublik  läßt  sich  anhand  der  Etatentwicklung  deutlicher  nachzeichnen.
Zudem  reicht  die  Aussagekraft  der  Haushaltsentwicklung  trotz  der  dem  Haushaltsrecht
  innewohnenden  Annuität  weit  über  den  jeweiligen  Berichtszeitraum  hinaus.
Ähnlich  wie  strukturpolitische  Entscheidungen  wirkten  auch  haushaltspolitische  -
z.B.  durch  eintretende  Verschuldung  -  weit  in  die  Zukunft.  Da  es  kaum  eine  bedeutendere
  Umschichtung  öffentlicher  Haushalte  als  die  Anpassung  an  eine  völlig  neue
Währungs-,  Einnahmen-  und  Ausgabensystematik  und  -Verteilung  geben  kann,  stellt
sich  die  Frage  nach  den  mittelfristigen  Folgen  der  in  der  Übergangszeit  getroffenen
Entscheidungen.
Die  Wiederaufnahme  der  parlamentarischen  Arbeit  erfolgte  Anfang  1956  in  einer
außerordentlich  komplizierten  politischen  Situation.  Zweifellos  ist  die  These  von  den

1  Ausgewertet  wurden  hierzu  die  stenographischen  Berichte  der  Parlamentssitzungen  sowie  die  dazu  als
Drucksachen  veröffentlichten  Materialien  -  Anträge,  Gesetze  etc.  Darin  spiegelt  sich  „wie  in  kaum  einer
anderen  zeitgenössischen  Quelle  ...  Klima  und  Inhalt  der  jeweiligen  öffentlichen  Debatte  wider“,  Matthias
Peter  u.  Hans-Jürgen  Schröder,  Einführung  in  das  Studium  der  Zeitgeschichte,  Paderborn  1994,  S.  228.
Den  Autoren  Peter  und  Schröder  ist  dahingehend  zuzustimmen,  daß  diese  Quellengattung  „erstaunlicherweise
  ...  in  der  empirischen  Forschung  immer  wieder  stark  unterschätzt  [wird],  obwohl  ihr  Quellenwert  für
alle  Fragen  der  deutschen  Innen-  und  Außenpolitik  außerordentlich  hoch  zu  veranschlagen  ist“,  ebd.,
S.  228.
4  Everhard  Holtmann,  Funktionen  regionaler  Parteien  und  Parteiensysteme  -  Überlegungen  für  ein
analytisches  Konzept,  in:  Benz  u.  Holtmann  (Hgg.),  Gestaltung,  S.  65-76,  hier:  S.  72.
5  In  der  Phase  der  Teilautonomie  verfolgte  die  Regierung  des  Saarlandes  die  Strategie,  die  Institutionalisierung
  der  in  dieser  grundsätzlichen  Frage  gegen  ihre  Politik  ausgerichteten  Bestrebungen  zu  verhindern.  Ein
wichtiges  Instrument  hierzu  war  das  Verbot  der  DPS,  die  sieh  ab  1949/50  schrittweise  zur  Plattform  dieser
oppositionellen  Kräfte  entwickelt  hatte,  aber  auch  die  Nicht-Zulassung  von  CDU  und  SPD  vor  den
Landtagswahlen  1952.  Vgl.  Marcus  Hahn,  Die  DPS  -  Liberaler  Neuanfang  im  deutsch-französischen
Spannungsfeld,  in:  Hudemann,  Jellonnek  u.  Rauls  (Hgg.),  Grenz-Fall,  S,  199-224.  Dieser  Strategie  ist  in
kurzfristiger  und  in  innersaarländischer  Perspektive  durchaus  machtsichernde  und  deeskalierende  Funktion

zuzu  weisen.
            
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