Nutzung kein weiteres Wachstum mehr möglich. Die erklärt auch das Abkoppeln des
Landes von der Entwicklung in den beiden Nachbarstaaten.205
Dieser Aufgabe gegenüber erwies sich der spezielle politische Stil, der die Übergangszeit
kennzeichnete, als wenig angemessen, und die Landespolitik zeigte sich
weitgehend überfordert. Die politische Vorgehensweise war nämlich davon geprägt,
aus Anlaß konkreter Krisenphänomene - die meistens auf politische Maßnahmen auf
nationaler Ebene zurückzuführen waren - umfangreiche Kompensationsprogramme
mit weitreichenden strukturpolitischen Maßnahmen zu entwickeln und deren Verwirklichung
einzufordern. Dieser Stil war bereits in der saarländischen Politik im
Rahmen der Verhandlung der Luxemburger Verträge angelegt, griff vor allem im
Umfeld der Kompensationsforderungen hinsichtlich des Moselkanals und erreichte
seinen Höhepunkt bei den französischen Währungsmaßnahmen ab 1957. Dieser
Politikstil war zunächst durchaus erfolgreich, wenn - wie z.B. bei der Verkehrspolitik,
aber auch im Zusammenhang mit absatzfordernden Maßnahmen zugunsten
der Saarwirtschaft - eine Reihe von positiven Einzelmaßnahmen durchgesetzt werden
konnte. Seine Leistungsfähigkeit beruhte auf einer engen Abstimmung der Durchsetzung
von Forderungen auf politischer Ebene mit der Erarbeitung solcher Wünsche
durch die regional bedeutsamen Experten- und Interessengremien wie z.B. der IHK
des Saarlandes. Allerdings erforderte diese Vorgehensweise einen relativ hohen
politischen Aufwand und Koordinierungsbedarf, da stets „ad hoc“ geeignete Programme
und Maßnahmenkataloge erarbeitet werden mußten. Darüber hinaus begünstigte
dieser Politikstil eine Perspektive auf den Handlungsspielraum und auf die
Möglichkeiten von Regionalpolitik, nach der es nur sinnvoll erschien, diejenigen
Forderungen zu erheben, die auch ad hoc eine Chance auf Umsetzung besaßen.
Insbesondere die in ihrer regionalpolitischen Bedeutung umstrittene Forderung nach
dem Bau eines Saar-Pfalz-Kanals schied dadurch von vornherein als Programmelement
regionaler Wirtschaftspolitik und regionaler Interessenvertretung aus, da ein
so umfangreiches und kostenintensives Projekt kaum mit aktuellen Fehlentwicklungen
überzeugend zu begründen war. Fraglich ist weiterhin, inwieweit dieser Stil
dazu geeignet war, strukturelle Fehlentwicklungen zu erkennen und hierfür Lösungen
zu erarbeiten. Jedenfalls scheiterten die Versuche, diesen politischen Stil in der
Stagnationskrise zu reaktivieren am Widerstand aus Bonn. Den strukturellen Defiziten
der saarländischen Wirtschaft standen somit ihrer Bedeutung nach durchaus
vergleichbare Defizite der Übergangszeit als saarländisches Sonderregime und der in
den Jahren nach 1955 praktizierten Politik gegenüber.
205 Zur qualitativen Veränderung des Wirtschaftswachstums vgl. Werner Plumpe. „Wir sind wieder wer!“
Konzept und Praxis der Sozialen Marktwirtschaft in der Rekonstruktionsphase der westdeutschen Wirtschaft
nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Marie-Luise Recker, Burkhard Jellonnek u. Bernd Rauls (Hgg.),
Bilanz: 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland, St. Ingbert 2001 (= Geschichte, Politik und Gesellschaft.
Schriftenreihe der Stiftung Demokratie Saarland 5), S. 237-278, hier: 240ff.