Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Gegensatz  zum  grundlegenden  Neuordnungsanspruch  standen  schon  die  strukturkonservativen
  Impulse  der  Übergangszeit  auf  Landespolitik  und  Wirtschaft.  Bereits  in
den  Saarverhandlungen  war  die  Montanwirtschaft  einer  der  wichtigsten  Gegenstände
saarländischer  Politik.  Die  zu  erwartenden  Schwierigkeiten  bei  der  Umstellung
verstärkten  diejenige  Tendenz,  welche  die  Stabilisierung  des  Montankerns  als  wichtigstes
  Element  saarländischer  Politik  ansah.  Zweifellos  diente  dann  die  Aufrechterhaltung
  des  Montankerns,  aber  auch  die  weitgehende  Fortsetzung,  teilweise  sogar
weitere  Intensivierung  der  saarländisch-französischen  Wirtschaftsbeziehungen  zur
Stabilisierung  der  ökonomischen  Situation  im  Saarland  und  zur  Kompensation
möglicher  Probleme  durch  die  Neuausrichtung  auf  Deutschland.  Hinzu  trat,  daß  die
Umorientierung  der  vorhandenen  Unternehmen  auf  den  neuen  nationalen  Bezugsrahmen
  sich  mit  der  Zeit  als  immer  schwieriger  erwies.  Viele  eingesessene  Betriebe
verfolgten  so  lange  wie  irgend  möglich  die  Strategie,  ihre  bewährten  Märkte  und
Geschäftsbeziehungen  im  französischen  Wirtschaftsraum  aufrechtzuerhalten.  Im
Hinblick  auf  die  mittelfristige  Weiterentwicklung  kann  daher  festgestellt  werden,  daß
die  Übergangszeit  kaum  Impulse  für  eine  fundamentale  Neuorientierung  der  saarländischen
  Wirtschaftspolitik  setzte;  statt  dessen  wurden  eher  Elemente  der  Kontinuität
gefördert.  Auch  im  Hinblick  auf  die  Übergangszeit  als  saarländisches  Sonderregime
muß  daher  eine  negatives  Urteil  gesprochen  werden:  Zwar  fanden  die  speziellen
Probleme  und  Bedürfnisse  der  saarländischen  Wirtschaft  in  den  Diskussionen  um  die
Übergangszeit  durchaus  Beachtung,  besondere  Erfolge  bei  der  Entwicklung  neuer
Lösungsansätze  konnten  jedoch  nicht  erzielt  werden.
Das  vielleicht  gravierendste  Defizit  der  Übergangszeit  ist  somit  darin  zu  sehen,  daß
keine  konsistente  und  zielorientierte  regionalpolitische  Programmatik  entwickelt
wurde.  An  deren  Stelle  fand  die  Formel  von  der  „Auflockerung  der  Industriestruktur“
Verw  endung,  die  sich  spätestens  seit  dem  ersten  Auftreten  von  ökonomischen  Problemen
  im  Saarland  im  Jahr  1949  zum  wichtigsten  Grundgedanken  saarländischer
Wirtschaftspolitik  entwickelt  hatte.  Nach  1955  setzte  sich  dieser  Politikansatz  fort.
Fast  alle  auftretenden  Schwierigkeiten  oder  geplanten  Maßnahmen  wurden  in  diesen
Zusammenhang  gestellt.  Obwohl  der  dabei  zugrundeliegenden  Feststellung,  daß  die
Wirtschaft  im  Saarland  einseitig  strukturiert  war,  durchaus  zuzustimmen  ist,  stellt
sich  die  Frage,  ob  Maßnahmen  der  „Auflockerung“  tatsächlich  geeignet  waren,  alle
Schwierigkeiten  ausreichend  zu  verstehen  -  und  sie  zu  überwinden.  Vielmehr  erscheinen
  die  regionalwirtschaftlichen  Probleme  der  Übergangszeit  zum  größten  Teil  aus
heutiger  Sicht  als  Symptom  des  Auslaufens  der  Phase  extensiven  Wachstums.204
Nachdem  über  Jahre  hinweg  das  Wachstum  durch  eine  steigende  Ausnutzung  der
regionalen  Produktionsfaktoren  ermöglicht  wurde,  war  nach  deren  vollständigen

204 Zum  Begriff’  vgl.  Dietmar  Petzina,  Eine  Industrieregion  im  Wandel.  Siegerland,  Wittgenstein  und
Südsauerland,  Siegen  1995,  S.  55tT.

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