Gegensatz zum grundlegenden Neuordnungsanspruch standen schon die strukturkonservativen
Impulse der Übergangszeit auf Landespolitik und Wirtschaft. Bereits in
den Saarverhandlungen war die Montanwirtschaft einer der wichtigsten Gegenstände
saarländischer Politik. Die zu erwartenden Schwierigkeiten bei der Umstellung
verstärkten diejenige Tendenz, welche die Stabilisierung des Montankerns als wichtigstes
Element saarländischer Politik ansah. Zweifellos diente dann die Aufrechterhaltung
des Montankerns, aber auch die weitgehende Fortsetzung, teilweise sogar
weitere Intensivierung der saarländisch-französischen Wirtschaftsbeziehungen zur
Stabilisierung der ökonomischen Situation im Saarland und zur Kompensation
möglicher Probleme durch die Neuausrichtung auf Deutschland. Hinzu trat, daß die
Umorientierung der vorhandenen Unternehmen auf den neuen nationalen Bezugsrahmen
sich mit der Zeit als immer schwieriger erwies. Viele eingesessene Betriebe
verfolgten so lange wie irgend möglich die Strategie, ihre bewährten Märkte und
Geschäftsbeziehungen im französischen Wirtschaftsraum aufrechtzuerhalten. Im
Hinblick auf die mittelfristige Weiterentwicklung kann daher festgestellt werden, daß
die Übergangszeit kaum Impulse für eine fundamentale Neuorientierung der saarländischen
Wirtschaftspolitik setzte; statt dessen wurden eher Elemente der Kontinuität
gefördert. Auch im Hinblick auf die Übergangszeit als saarländisches Sonderregime
muß daher eine negatives Urteil gesprochen werden: Zwar fanden die speziellen
Probleme und Bedürfnisse der saarländischen Wirtschaft in den Diskussionen um die
Übergangszeit durchaus Beachtung, besondere Erfolge bei der Entwicklung neuer
Lösungsansätze konnten jedoch nicht erzielt werden.
Das vielleicht gravierendste Defizit der Übergangszeit ist somit darin zu sehen, daß
keine konsistente und zielorientierte regionalpolitische Programmatik entwickelt
wurde. An deren Stelle fand die Formel von der „Auflockerung der Industriestruktur“
Verw endung, die sich spätestens seit dem ersten Auftreten von ökonomischen Problemen
im Saarland im Jahr 1949 zum wichtigsten Grundgedanken saarländischer
Wirtschaftspolitik entwickelt hatte. Nach 1955 setzte sich dieser Politikansatz fort.
Fast alle auftretenden Schwierigkeiten oder geplanten Maßnahmen wurden in diesen
Zusammenhang gestellt. Obwohl der dabei zugrundeliegenden Feststellung, daß die
Wirtschaft im Saarland einseitig strukturiert war, durchaus zuzustimmen ist, stellt
sich die Frage, ob Maßnahmen der „Auflockerung“ tatsächlich geeignet waren, alle
Schwierigkeiten ausreichend zu verstehen - und sie zu überwinden. Vielmehr erscheinen
die regionalwirtschaftlichen Probleme der Übergangszeit zum größten Teil aus
heutiger Sicht als Symptom des Auslaufens der Phase extensiven Wachstums.204
Nachdem über Jahre hinweg das Wachstum durch eine steigende Ausnutzung der
regionalen Produktionsfaktoren ermöglicht wurde, war nach deren vollständigen
204 Zum Begriff’ vgl. Dietmar Petzina, Eine Industrieregion im Wandel. Siegerland, Wittgenstein und
Südsauerland, Siegen 1995, S. 55tT.
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