Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

auszugleichen.192  In  einer  hochkarätig  besetzten  Arbeitssitzung  im  August  konnte  die
saarländische  Seite  zwar  ihre  Forderungen  in  Bonn  vortragen;  als  positivstes  Ergebnis
  mußte  aber  testhalten  werden,  daß  der  Staatssekretär  im  Bundeswirtschaftsministerium
  dem  wenigstens  nicht  in  „unverhältnismäßig  scharfer  Form  entgegengetreten“
  war.1"1
Auf  diese  Weise  geriet  die  Landesregierung  zu  Anfang  der  60er  Jahre  in  eine  ungewohnte
  Situation.  Die  Stagnationskrise  der  Jahre  nach  1960  erzeugte  wirtschaftspolitischen
  Handlungsbedarf,  der  über  die  bisherigen  Konzeptionen  der  Politik  weit
hinausreichte.  Der  Versuch,  dem  mit  einer  Wiederaufnahme  der  seit  den  Saarvertragsverhandlungen
  bewährten  Strategien  zu  begegnen,  scheiterte  jedoch.  Aus  konkreten
  Anlässen  entwickelte  Einzelforderungen  und  Hilfsprogramme  konnten  nicht
mehr  durchgesetzt  werden;  dagegen  waren  die  in  Verhandlungen  mit  Bonn  erreichten
Zusagen  wie  die  zur  Hilfe  bei  der  Finanzierung  von  Anpassungsmaßnahmen  im
Bergbau  oder  auch  die  Verlängerung  der  Absatzhilfe  für  die  Saarwirtschaft  zur
Eindämmung  der  Probleme  nicht  ausreichend.  Diese  Mißerfolge  stellte  auch  die
saarländische  Opposition  in  aller  Deutlichkeit  heraus.19
2.4 Zusammenfassung
Die  Bewertung  der  Übergangszeit  fiel  im  Expertendiskurs  der  Zeitgenossen  durchweg
  negativ  aus:195 198  Einhellig  wurde  die  Meinung  vertreten,  daß  sie  „starke  Züge  der
Auffechterhaltung  des  Status  quo“1"  gezeigt  habe,  daß  keine  „irgendwie  nennenswerte
  Anpassung  an  die  nach  der  wirtschaftlichen  Rückgliederung  zu  erwartende
Absatzsituation“200  erfolgte  und  somit  „das  Ziel  der  Übergangszeit  nicht  erreicht“201
wurde,  weil  „die  Hauptphase  des  Eingliederungsprozesses  ...  nach  dem  Tage  X  [hat]

195  Beschlußlage  im  Kabinett  wurde  diese  sehr  allgemeine  Forderung  nach  Hilfe  bereits  Anfang  Mai,  siehe:
LASB  StK  1728,  Kabinettsprotokoll  v.  2.5.62,  und  zwar  auf  Basis  einer  Vorlage  des  Wirtschaftsministeriums,
  siehe:  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.
2.5.62.  Eine  ausführliche  Beschreibung  der  Gegenstände,  die  gegenüber  Bonn  verhandelt  wurden,  liefert
die  Regierungserklärung  Röders  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  21.  Sitzung  v.  14.5.62,  S.  783ff.
196  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  2.11.62.
19  Besonders  deutlich  wurde  dies  in  der  Rede  von  Rudolf  Recktenwald  (SPD)  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  28.
Sitzung  v.  5.12.62,  S.  1059ff.,  der  ausdrücklich  kritisierte,  daß  die  Regierung  zu  unpräzise  Forderungen
gegenüber  Bonn  erhoben  habe,  das  Saarland  brauche  statt  dessen  mehr  als  einen  „Freundesschwur“.
I9ti  Schon  1957  titelte  Norbert  Weiter,  Alles  umsonst?,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer
  des  Saarlandes  5  (1957),  S.  294-295.  Die  Autoren  der  Arbeitskammer-Zeitung  hielten  an  diesem
negativen  Urteil  über  die  Übergangszeit  praktisch  durchgängig  fest.  So  hieß  es  bei  Walter  Gerisch,  Die
Saar  zieht  Bilanz,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  6  (1958),  S.  4-5:
„Es  ist  im  wesentlichen  nicht  gelungen,  die  Wettbewerbsfähigkeit  der  Saarbetriebe  nennenswert  zu
erhöhen..“
199  IHK  des  Saarlandes  (Hg.),  Wirtschaft,  S.  207.
200  Buddeberg,  Verlagerung,  S.  181.
:i11  IHK  des  Saarlandes  (Hg.),  Auswirkungen,  S.  7.

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