Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  des  gerade  eingegliederten  Saarlandes  übereinstimmend
  in  schillernden  Farben  dargestellt,  und  auch  die  Auswahl  der  Autoren
zeigte  eine  enge,  harmonische  Zusammenarbeit  saarländischer  und  bundesdeutscher
Politik  mit  Unternehmern,  Interessenvertretern,  Verbänden  und  Wirtschaftsorganisationen
  aus  dem  Saarland  sowie  dem  überregionalen  Kontext.190
Mit  der  rapiden  Verschlechterung  der  volkswirtschaftlichen  Daten  zerstoben  diese
Hoffnungen  auf  politische  Entspannung  jedoch.  Als  erster  Schritt  in  dieser  Entwicklung
  ist  die  am  6.  März  1961  vorgenommenen  Aufwertung  der  DM  um  5%  zu  nennen,
  die  eine  gravierende  Belastung  im  deutsch-saarländischen  Verhältnis  mit  sich
brachte.191  Obwohl  das  Kabinett  die  Auswirkungen  dieser  Maßnahme  noch  am  7.
März  1961  in  recht  moderaten  Tönen  analysierte,192  schlug  es  Mitte  April  vor  dem
Landtag  eine  völlig  andere  Argumentationsweise  ein.  In  einer  vorab  im  Kabinett
ausführlich  diskutierten  Regierungserklärung  hob  der  Wirtschaftsminister  Eugen
Huthmacher  das  Problem  von  der  Ebene  der  von  SPD  und  SVP  geforderten  direkten
Ausgleichsmaßnahmen  zugunsten  einzelner  Unternehmer  auf  die  Ebene  einer  strukturellen
  Benachteiligung  der  Saarwirtschaft,  die  gemäß  einem  Zehn-Punkte-Programm
durch  Hilfen  der  Bundesregierung  ausgeglichen  werden  sollte.19'  Allerdings  konnten
nicht  einmal  Ausgleichsmaßnahmen  für  die  von  der  Aufwertung  direkt  betroffenen
Grenzgänger  im  lothringischen  Bergbau  gegen  den  Widerstand  aus  Bonn  durchgesetzt
  werden.194  Ein  ähnliches  Schicksal  teilte  ein  von  der  Landesregierung  ein  Jahr
später  erarbeitetes  Programm  „großzügiger  Maßnahmen“  von  Seiten  Bonns,  die  als
notwendig  dargestellt  wurden,  um  die  in  der  Stagnation  sichtbar  werdenden,  aus
Eingliederung  und  Standortlage  entstandenen  Benachteiligungen  der  Saarwirtschaft

l9U  Als  teilweise  „graue  Literatur“  sind  die  Arbeiten  meistens  leider  bibliographisch  nicht  nachgewiesen.
Als  Beispiele  für  derartige  Publikationen  seien  genannt:  Eduard  Dietrich  (Hg.),  Saarland;  Vogel-Verlag
(Hg.),  Die  Saarwirtschaft  heute,  Würzburg  1959;  Saarbrücker  Druckerei  und  Verlag  GmbH  (Hg.),
Bundesland.
191  Einen  chronologischen  Überblick  über  die  währungs-  und  finanzpolitischen  Maßnahmen  der  Bundesregierung
  bietet  Kurt-Dieter  Wagner  (Bearb.),  Chronologie  zur  Finanzgeschichte  1949-1969.  Daten  und
Erläuterungen,  Bonn  1993  (=  Schriftenreihe  zur  Finanzgeschichte  2).  Zur  Einordnung  der  Aufwertung  in
die  handelspolitische  Westbindung  vgl.  Jürgen  Bellers,  Außenwirtschaftspolitik  der  Bundesrepublik
Deutschland  1949-1989,  Münster  1990,  hier:  S.  266fF.  Den  Zusammenhang  zur  aktuellen  Diskussion  über
die  konjunkturpolitische  Dimension  der  bundesdeutschen  Politik  in  den  späten  50er  Jahren  vgl.  Helge
Berger,  Konjunkturpolitik  im  Wirtschaftswunder.  Handlungsspielräume  und  Verhaltensmuster  von
Bundesbank  und  Regierungen  in  den  1950er  Jahren,  Tübingen  1997,  hier:  S.  1421T.
192  LASB  StK  1725,  Kabinettsprotokoll  v.  7.3.61.  Der  Bericht  des  Wirtschaftsministers  ließ  erkennen,  daß
wohl  der  überwiegende  Teil  der  saarländischen  Exporte  betroffen  sei,  und  zwar  so  lange,  bis  entsprechende
  Preiserhöhungen  in  Frankreich  möglich  würden.  Relativ  unbeschadet  blieben  nur  diejenigen  saarländischen
  Firmen,  die  Niederlassungen  in  Frankreich  unterhielten.  Allerdings  seien  Importe  aus  Frankreich
in  gleichem  Umfang  begünstigt.  Besonders  unangenehm  sei  jedoch  die  Lage  der  saarländischen  Grenzgänger
  nach  Lothringen,  die  faktisch  eine  Lohnminderung  hinzunehmen  hätten.
193  Das  Programm  wurde  in  der  Kabinettsitzung  formuliert,  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,
Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v,  17.4.61.  In  der  Landtagsdebatte  rekurrierte  Hutmacher  aber
nicht  auf  eine  geschlossene  Programmatik,  sondern  stellte  die  einzelnen  Forderungen  nebeneinander,  vgl.
LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  7.  Sitzung  v.  18.4.61,  S.  162ff.
194  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  19.10.61.

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