Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

rechnen;  dadurch  sei  eine  Personalreduzierung  von  ca.  20.000  Arbeitsplätzen  zu
bewältigen,  die  durch  die  natürliche  Fluktuation  sowie  Pensionierungen  abgewickelt
werden  sollte.  Das  Kabinett  sanktionierte  diese  Vorgehensweise  als  Grundlinie  der
weiteren  Entwicklungspolitik  der  Saarbergwerke  und  sagte  die  notwendige  politische
Unterstützung  zu.183
Ingesamt  kennzeichnete  Hoffnung  auf  Entspannung  die  Landespolitik  in  den  ersten
Monaten  nach  der  Eingliederung:  Nicht  nur,  daß  die  Regierungsmitglieder  sich  nach
der  „außergewöhnlichen  Inanspruchnahme  durch  die  Amtsgeschäfte“  bei  der  Vorbereitung
  der  Eingliederung  ohnehin  allesamt  urlaubsreif  fühlten,184  auch  die  problemlose
  Einführung  der  degressiven  Absatzhilfen  zugunsten  der  Saarwirtschaft18"
sowie  die  Abwicklung  der  Eingliederung  selber186  zeigten  deutliche  Züge  einer
Normalisierung.  Unsicherheiten  rief  vor  allem  der  kurzfristige  Anstieg  der  Preise  und
Lebenshaltungskosten  im  Zusammenhang  mit  der  Währungsumstellung  hervor:  Hatte
noch  Anfang  1959  das  Kabinett  die  Möglichkeit,  den  inflationären  Tendenzen  der
Übergangszeit  mit  einer  Teuerungszulage  für  die  Mitarbeiter  des  öffentlichen  Dienstes
  zu  begegnen,187  war  diese  Möglichkeit  in  der  zweiten  Jahreshälfte  nicht  mehr
gegeben,  obwohl  der  Innenminister  in  einer  eigens  angefertigten  Studie  den  Kaufkraftverlust
  im  öffentlichen  Dienst  klar  darlegte.188 189  Insbesondere  das  Ausbleiben  der
immer  wieder  befürchteten  dramatischen  Übergangsschwierigkeiten  auf  dem  Arbeitsmarkt184
  wirkte  aber  sehr  beruhigend.  Zudem  setzte  eine  intensive  Werbetätigkeit  für
die  Region  ein.  ln  einer  Vielzahl  von  Publikationen  und  Broschüren  wurde  die

183  LASB  StK  1722,  Kabinettsprotokoll  v.  23.9.59.
184  „ln  Anbetracht  der  außergwöhnlichen  Inanspruchnahme  der  Regierungsmitglieder  durch  die  Amtsgeschäfte,
  die  allein  schon  im  Zusammenhang  mit  der  wirtschaftlichen  Eingliederung  des  Saarlandes  in
den  Bund  in  ungewöhnlichem  Maße  zugenommen  haben  und  kaum  noch  die  aus  gesundheitlichen
Gründen  erforderliche  zeitweilige  Ausspannung  zuläßt,  schließt  sich  der  Ministerrat  dem  Vorschlag  des
Saarländischen  Städte-  und  Gemeindetags  an,  entsprechend  den  Bestrebungen  des  „Kuratoriums  Freies
Wochenende“  ein  freies  Wochenende  im  Monat  zu  verbringen,  das  frei  von  der  Teilnahme  an  Veranstaltungen
  jeglicher  Art  sein  soll,  die  über  den  Raum  der  religiösen  Besinnung  und  der  Erholung
hinausgehen.“,  LASB  StK  1721,  Kabinettsprotokoll  v.  23.7.59.  Bereits  im  März  hatte  die  Regierung  dem
Landtagsdirektor  mitteilen  lassen,  daß  eine  bestimmte  Regierungsvorlage  nicht  hatte  bearbeitet  werden
können,  „da  z.  Zt.  wegen  der  Eingliederungsverhandlungen  die  für  eine  Überprüfung  der  Richtlinien  im
Sinne  des  Beschlusses  des  Landtagsausschusses  für  Haushalts-  und  Finanzfragen  erforderlichen  Referenten
  nicht  zur  Verfügung  stehen“,  LASB  StK  1720,  Kabinettsprotokoll  v.  18.3.59.
185  Es  handelte  sich  um  eine  (ursprünglich  bis  1962  befristete,  später  bis  1964  verlängerte)  Subvention  auf
saarländische  Lieferungen  nach  Deutschland,  siehe  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  (Hg.),
Wirtschaft,  S.  210,  sowie  Roesler,  Rückgliederung,  S.  453;  die  Entscheidung  fiel  auf  Vorschlag  des
Bundesfinanzministers  noch  im  April  1959,  LASB  StK  1720,  Kabinettsprotokoll  v.  2.4.59.
186  Das  Kabinett  wurde  am  25.6.59  in  einer  Sondersitzung  in  Bonn  über  den  Termin  informiert;  der
Ministerpräsident  hatte  bereits  am  Vortag  Kenntnis  davon  erhalten;  LASB  StK  1721,  Kabinettsprotokoll
v.  25.6.59.
t87  LASB  StK  1720,  Kabinettsprotokoll  v.  20.3.59.
188  LASB  StK  1721,  Kabinettsprotokoll  v.  2.9.59.
189  Negative  Effekte  auf  dem  Arbeitsmarkt  hatten  eine  der  „bedrückendsten  Sorgen“  vor  der  Eingliederung
dargestellt,  vgl.  Landesbank  und  Girozentrale  Saar  (Hg.),  Wirtschaftsberichte  1960,  Saarbrücken  1960,
H.  1.

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