Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

anderen  wurden  verschiedene  Elemente  des  saarländischen  Sozial-  und  Steuersystems
weitergeführt.'44
Der  Tag  X  brachte  für  die  saarländische  Wirtschaft  in  den  einzelnen  Sektoren  sehr
unterschiedliche  Auswirkungen.  Während  der  Einzelhandel  in  manchen  Bereichen
sehr  heftigen  Friktionen  ausgesetzt  war,144 145  verzeichneten  z.B.  die  Verbrauchsgüterindustrien
  nach  der  Eingliederung  sogar  eine  „ungewöhnlich  günstige“  Entwicklung.
Bereits  ab  dem  vierten  Quartal  des  Jahres  1959  wurden  davon  auch  andere  Bereiche
erfaßt,  was  sich  auf  dem  Arbeitsmarkt  niederschlug.  Das  Potential  an  männlichen
Arbeitnehmern  war  weiterhin  quasi  restlos  ausgeschöpft,  so  daß  eine  weitere  Expansion
  der  Beschäftigung  nur  durch  Zuführung  von  Arbeitskräften  von  außen  erreicht
werden  konnte,  und  dies,  obwohl  der  Bergbau  weiterhin  in  hohem  Umfang  Stellen
abbaute  und  Arbeitskräfte  freisetzte.  Diese  fanden  -  sofern  sie  dem  Arbeitsmarkt
überhaupt  noch  zur  Verfügung  standen  -  in  der  expandierenden  Eisen-  und  Stahlindustrie
  unmittelbar  wieder  eine  Beschäftigung.146 *  Die  Frauenerwerbstätigkeit  stieg  auf
Basis  des  unausgeschöpften  Potentials  deutlich  an,  und  zwar  hauptsächlich  in  den
Branchen  der  Eisen-  und  Metallerzeugung  und  -Verarbeitung  sowie  im  Sektor  von
Handel,  Banken  und  Versicherungen.14
Die  Einschätzung  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  im  Jahr  1960  ist  erheblichen
Problemen  unterworfen.  Kam  das  Statistische  Landesamt  im  Jahr  1961  noch  zu  einer
eher  zurückhaltenden  Einschätzung  des  Konjunkturverlaufs  von  1  960,  der  als  stabil,
aber  „auf  einem  niedrigeren  Niveau  als  vor  der  Eingliederung“  beschrieben  wurde,144
stellte  sich  dieses  Jahr  in  der  Perspektive  des  Jahres  1963  sehr  viel  günstiger  dar.
Wieder  ein  Jahr  später  wurde  dann  das  Jahr  1961  als  der  Beginn  einer  „Verlangsamung
  des  Wachstums  der  gesamten  saarländischen  Wirtschaft“  bezeichnet.144

144  Die  Präferenzen  betrugen  15%  für  1959  und  1960,  10%  für  1961;  weitergeführt  wurde  z.B.  die
„Weitere  Lohnzulage“  und  die  Leistungen  aus  der  Familienzulage,  welche  die  Löhne  von  verheirateten
Männern  mit  Kindern  aufwertete.  Stat.  Amt  d.  Saarl.  (Hg.),  Saarländische  Bevölkerungs-  und  Wirtschaftszahlen
  9/10(1959/60),  S.  93.
145  Davon  war  nicht  nur  der  Absatz,  sondern  v.a.  auch  die  Warenbeschaffung  betroffen,  vgl.  Tietz,
Beschaffung,  S.  1  I.  Das  Datenmaterial  hierzu  ist  publiziert  in:  Die  Auswirkungen  der  wirtschaftlichen
Eingliederung  in  ausgewählten  Branchen  des  Saarländischen  Einzelhandels.  Ergebnisse  aus  Betriebsvergleichen
  und  Betriebsuntersuchungen  für  das  zweite  Halbjahr  1958  und  das  zweite  Halbjahr  1959,
Saarbrücken  1962  (=  Einzelschritten  des  Handelsinstituts  an  der  Universität  des  Saarlandes  H.  3).
Schluppkotten,  Saarwirtschaft,  S.  6,  spricht  von  Einbußen,  die  nach  einigen  Monaten  wieder  ausgeglichen
werden  konnten.
146  Stat.  Amt  d.  Saar],  (Hg.),  Saarländische  Bevölkerungs-  und  Wirtschaftszahlen  9/10(1959/60),  S.  47  und
S.  17.
4  Ehd..  S.  13f.  Landesbank  und  Girozentrale  Saar  (Hg.),  Wirtschaftsberichte  1961,  Saarbrücken  1961,
H.  1,  S.  3.
4K  Stat,  Amt  d.  Saarl.  (Hg.),  Die  saarländische  Industrie  im  Jahre  I960,  Saarbrücken  1961  (=  SiZ,  Sonderh.
18),  S.  7.  Eine  ähnliche  Verschiebung  in  der  Beurteilung  ist  übrigens  auch  in  der  Berichterstattung  der
Landesbank  und  Girozentrale  Saar  (Hg.),  Wirtschaftsberichte  1962,  Saarbrücken  1962,  H.  1,  im  Vgl.  zu
ebd.,  H.  8,  nachzuvollziehen.
14,1  Stat.  Amt  d.  Saar!.  (Hg.),  Die  saarländische  Industrie  im  Jahre  1964,  Saarbrücken  1964  (=  SiZ,  Sonderh.
30),  S.  9.  Zu  den  methodischen  Problemen  des  Vergleichs  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  anhand  der

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