Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

dann  doch  noch  vor  Gründung  der  neuen  Saarbergwerke  AG,  wobei  aber  verschiedene
  Forderungen  der  Arbeitnehmer  vorher  zugesagt  werden  mußten.133
Das  Beispiel  zeigt,  wie  aus  dem  Aufeinandertreffen  von  in  der  Regionalstruktur
begründeten  Faktoren  (hohe  Bedeutung  des  Bergbaus  auf  dem  Arbeitsmarkt,  starke
Betroffenheit  in  der  Bevölkerung  durch  betriebliche  Maßnahmen)  und  historisch
begründeten  (verzögerte  Schließung  eines  Standortes  bzw.  sogar  neue,  letztlich
ebenso  unrentable  Investitionen  in  einen  Grubenstandort  durch  die  spezifischen
Kriegs-  und  Wiederaufbauanforderungen)  eine  Problemlage  entstand,  die  durch  die
im  Sonderregime  der  Übergangszeit  vorgesehenen  Instrumente  nicht  lösbar  war.
Zwar  konnte  durch  Schlichtung  der  Landesregierung  der  Konflikt  entschärft  und
einer  Lösung  zugeführt  werden;  die  durch  diese  Art  der  Konfliktbewältigung  entstehenden
  materiellen  wie  immateriellen  Kosten  waren  jedoch  wahrscheinlich  sehr
viel  höher  als  unter  „normalen“  Bedingungen.134  Denn  schließlich  stellt  das  gewählte
Verfahren  zumindest  einen  teilweisen  Verzicht  einer  Unternehmensleitung  auf
autonomes  Handeln  in  strategisch  bedeutsamen  Fragen  der  Betriebsführung  dar,
genauso,  wie  die  Arbeitnehmervertretung  ihre  Möglichkeiten  in  der  Interessenvertretung
  ihrer  Mitglieder  mehr  oder  weniger  freiwillig  beschränkte.  Zudem  bedeutete
die  Einschaltung  der  Landesregierung  faktisch  die  Verlagerung  einer  Sachentscheidung
  auf  eine  in  unternehmenspolitischer  Hinsicht  unangemessene  Entscheidungsebene,
  die  zu  umfangreichen  Kompensationsleistungen  für  eine  allgemein  als  notwendig
  und  alternativlos  erachtete  betriebliche  Entscheidung  führte.
2.3.2 Der  Weg  in  die  wirtschaftliche  und  politische  Stagnation
Mit  dem  lang  erwarteten  Tag  X,  also  der  Einführung  der  deutschen  Währung135  und
dem  Ende  der  eigentlichen  Übergangszeit,  waren  zunächst  eine  Reihe  von  Friktionen

03  Es  wurde  ein  kostenloser  Transport  zur  Arbeitsstätte  für  die  auf  andere  Gruben  zu  verlegenden  Bergleute
  eingerichtet,  die  Beibehaltung  der  gewohnten  Arbeitsgruppen  wurde  zugesagt  und  auf  die  Versetzung
von  Bergleuten,  die  einen  ungünstigen  Arbeitsweg  haben  würden,  wurde  verzichtet.  Schließlich  wurde  der
Bestand  der  Betriebskapelle  garantiert.  LASB  StK  1715,  Kabinettsprotokoll  v.  5.2.57
134  Übrigens  beugte  sich  der  Saar-Landtag,  und  hier  v.a.  die  Fraktion  der  SPD,  dieser  Konfliktlösungsstrategie.
  Dies  läßt  sich  deutlich  daran  erkennen,  daß  die  sozialdemokratische  Landtagsfraktion  auf  die
Diskussion  einer  von  ihr  eingebrachten  Großen  Anfrage  im  Parlament  verzichtete,  nachdem  der  Wirtschaftsminister
  auf  die  Behandlung  dieses  Themas  im  Kabinett  hingewiesen  hatte,  siehe:  LTDS,  3.  WP,
Abt.  I,  1Ü.  Sitzung  v.  29.2.56,  S.  264.  Bereits  Anfang  1956  war  die  KP  mit  einem  Antrag  gescheitert,  der
die  Schließung  der  Anlage  hätte  verbieten  sollen,  vgl.  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  10.  Sitzung  v.  17.1.56,  S.  67f.
1  “  Interessanterweise  fand  die  Ausdehnung  des  Währungsgebiets  der  DM  bislang  in  den  Handbüchern  und
Überblicksdarstellungen  zur  deutschen  Geldgeschichte  praktisch  keine  Berücksichtigung,  vgl.  z.B.  Bernd
Sprenger,  Das  Geld  der  Deutschen.  Geldgeschichte  Deutschlands  von  den  Anfängen  bis  zur  Gegenwart,
2.  Au  fl.  Paderborn  1995,  Hans  Roeper  u.  Wolfram  Weimer,  Die  D-Mark.  Eine  deutsche  Wirtschaftsgeschichte,
  Frankfurt  a.M.  1996.  Selbst  in  der  halbamtlichen  Darstellung  der  Geschichte  der  DM  durch  die
Bundesbank  wird  dieses  Thema  abseits  von  technischen  Details  nicht  erwähnt,  Deutsche  Bundesbank
(Hg),  Währung  und  Wirtschaft  in  Deutschland  1876-1975,  Frankfurt  a.M.  1976,  und  auch  das  Mitglied  des
Direktoriums  der  Bundesbank  und  spätere  Vizepräsident  Otmar  Emminger  würdigt  diese  Frage  in  seiner
Aufsatzsammlung  keines  Wortes,  Oskar  Emminger,  Währungspolitik  im  Wandel  der  Zeit,  Frankfurt  a.M.
1966.

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