Full text : Obrigkeit und Untertanen

damaligen  Zeit  auszunutzen  und  ihren  Einfluß  auch  auf  den  Gemeinschaftswald
auszudehnen  versuchten.  Am  Gemeinschaftswald  haben  sich  erst  allmählich  infolge
fortschreitender  Besiedlung  feste  Besitzverhältnisse  herausgebildet:  Die  erste  große
Welle  des  Bevölkerungswachstums  seit  dem  10.Jahrhundert  machte  eine  Ordnung
der  Nutzung  erforderlich,  die  zunächst  im  Rahmen  vorhandener  Verbände,  sodann
von  geschlossenen  Dörfern  und  schließlich,  wenn  die  Markfläche  über  das  Gebiet
eines  Dorfes  hinausreichte,  von  den  sogenannten  Markgenossenschaften  relativ
autonom  getroffen  und  später  in  Form  von  Weistümem  schriftlich  aufgezeichnet
wurden.  Seit  dem  14.Jahrhundert  war  es  den  Landesherren  vielfach  gelungen,  das
Aufsichtsrecht  über  die  Markgenossenschaften,  d.h.  die  Obermärkerschaft  zu  erlangen,
  die  sie  dazu  benutzten,  sich  das  Nutzungs-,  ja  zum  Teil  sogar  das  Eigentumsrecht
  über  die  dortigen  Waldungen  anzueignen.  Hier  setzte  zwischen  Obrigkeit  und
Untertanen  der  Kampf  um  den  Wald  ein,  der  auch  im  Bauernkrieg  von  1525  eine
nicht  unwesentliche  Rolle  spielte  und  bekanntlich  mit  dem  Sieg  des  Landes  fürstentums
  sein  vorläufiges  Ende  fand:  "Forstpolitisch  führte  die  Niederlage  der  Bauern  zur
raschen  Verstärkung  der  forstpolizeilichen  Aufsicht  über  Gemeinde-  und  Pnvatwald,
die  ihren  Höhepunkt  im  absolutistischen  Staat  des  18.Jahrhunderts  erreichte"206.  Die
ersten  herrschaftlichen  Forstordnungen,  die  die  Waldnutzungsrechte  der  Gemeinden
bis  ins  kleinste  zu  reglementieren  suchten,  waren  bereits  ausgangs  des  15.Jahrhunderts
  zumeist  unter  der  Vorgabe  einer  drohenden  Holznot  und  mit  dem  Ziel  der
Waldbestanderhaltung  erlassen  worden207.  Vom  16.  bis  zum  18.Jahrhundert  erfuhr
die  Forstpolitik  dann  eine  quantitative  und  zugleich  qualitative  Veränderung:  Das  nur
von  den  Folgen  des  30jährigen  Krieges  unterbrochene  Bevölkerungswachstum  und
der  Aufstieg  der  gewerblichen  Wirtschaft  ließen  das  Holz  zu  einem  knappen  Gut
werden  und  legten  einen  ökonomischen  Umgang  mit  dieser  wertvollen  Ware  nahe;
dies  führte  im  Rahmen  einer  merkantilistischen  bzw.  später  dann  kameralistischen
Wirtschaftspolitik  und  auf  der  Basis  der  sich  ausbreitenden  wissenschaftlichen
Forstlehre  zu  einer  "rationellen"  Forstpolitik,  die  in  einer  staatlich  gelenkten
Hochwaldkultur  ihre  idealtypische  Ausprägung  erfuhr208.  Als  Motive  der  immer
ngider  auf  Kosten  kommunaler  Waldrechte  betriebenen  rationalen  Forstpolitik  sind
neben  den  eben  genannten  objektiven  Rahmenbedingungen  der  demographischen
und  ökonomischen  Entwicklung  das  herrschaftliche  Jagdinteresse  als  Statussymbol
öffentlicher  Machtdemonstration  und  das  angesichts  der  hohen  Staatsverschuldung
gerade  im  18.Jahrhundert  besonders  stark  ausgeprägte  fiskalische  Interesse  zu
nennen;  darüber  hinaus  darf  aber  auch  das  machtpolitische  Motiv,  das  sich  allein

206  Ebd.,  S.89.
207  Vgl.  Dipper,  Geschichte,  S.33f.;  u.a.  zu  den  ersten  Forstordnungen  in  einzelnen  europäischen  Ländern:
  Sombart,  Kapitalismus  II,  S.  1145-1148;  zum  dominanten  Motiv  der  Holznot:  Radkau,  Holzverknappung,
  S.513-543  sowie  ders.,  Energiekrise,  S.l-37.
208  Vgl.  hierzu  Pacher,  Forstwirtschaft;  Mooser,  Holzdiebstahl,  S.21;  Radkau,  Energiekrise,  S.lOf.;  ders.,
Holzverknappung,  S.515-518  und  S.539-541;  zum  Bevölkerungswachstum  und  zum  Aufstieg  der
Gewerbewirtschaft  s.  Wehler,  Gesellschaftsgeschichte  I,  S.67-70  und  S.90-119.

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