Full text: Obrigkeit und Untertanen

Die erste Reaktion der Stadt- und Landuntertanen auf den reformabsolutistischen 
Neuanfang unter nassau-usingischer Vormundschaft, der sich vor allem im Bereich 
des Forstwesens niederschlug und dort mit seinem allumfassenden Rationalisierungs¬ 
anspruch Ausdruck einer Politik der 'guten Polizey' war, war noch ein ganz tradi- 
tionaler und rückwärtsgewandter Widerstand gegen einen als allzu rasch empfunde¬ 
nen Wandel19. Der von der Herrschaft neu eingeführte Rechtsbegriff wurde von der 
Untertanenschaft, die weiterhin in ihrer alten Vorstellungswelt gefangen blieb, noch 
nicht rezipiert. Besonders deutlich wurde dieser Aufprall zweier völlig unterschied¬ 
licher Denk- und Wertvorstellungen - einer traditionalen Untertanenmentalität und 
einer rationalen Herrschaftspolitik - bei der Auseinandersetzung um die städtischen 
Privilegien, die in vormundschaftlicher Zeit von den Bürgern noch ausdrücklich als 
eine Gnade der Landesherrschaft angesehen wurden und nicht als das, was sie 
eigentlich waren: ein vollgültiges und beständiges Recht, das des agnatischen Kon¬ 
senses innerhalb des Herrscherhauses bedurfte20. Aber je weiter der Rationalisie¬ 
rungsprozeß voranschritt, desto deutlicher hinterließ er seine Spuren bei der 
Untertanenschaft. Schon beim ersten Protestfall der zweiten Jahrhunderthälfte auf 
dem Land, der Völklinger Reichskammergerichtsklage gegen Fürst Wilhelm Hein¬ 
rich aus dem Jahre 1766, zeigte sich, daß die Untertanen nicht mehr gewillt waren, 
sich bedingungslos der herrschaftlichen Gnade zu unterwerfen; erst nachdem der 
Fürst damit gedroht hatte, 20 Völklinger Bauern töten zu lassen, unterwarfen sich die 
Gemeinden des Völklinger Hofs dem fürstlichen Gnadendekret und akzeptierten 
wieder unumwunden die herrschaftliche 'Gnade'. Zehn Jahre später, beim Austrägal- 
und Reichskammergerichtsprozeß der Köllertaler Gemeinden gegen Fürst Ludwig, 
sah die Sache schon ganz anders aus: Die eingekerkerten Rädelsführer verzichteten 
auf das ihnen angebotene Begnadigungs-Gesuch an den Fürsten, weil sie sich im 
'Recht' fühlten. Überhaupt war der rationale Konfliktaustrag, den die Köllertaler als 
erste nassau-saarbrückische Untertanen über viele Jahre hinweg in dieser Form 
durchhielten, ein deutliches Zeichen für die allenthalben zu beobachtenden Rationa¬ 
lisierungstendenzen des Aufklärungszeitalters, die nun auch die Untertanen erfaßt 
hatten. Nicht von ungefähr fällt der erste große Rechtsprozeß in Nassau-Saarbrücken, 
der Köllertaler Austrägal- und Reichskammergerichtsprozeß, zeitlich zusammen mit 
der Kanzlei- und Prozeßordnung, dem Höhepunkt der Rationalisierungspolitik in 
Nassau-Saarbrücken. Aber so sehr das rationale Recht auch Einzug in die Prozeßde¬ 
batte hielt (besonders deutlich etwa bei der zentralen Frage der Eigentumsrechte am 
Köllertaler Wald), so wenig spielte doch noch die bewußte Gegenüberstellung von 
'Gnade und Recht' eine Rolle beim Köllertaler Prozeß. Die Einsicht in die prinzipielle 
Unvereinbarkeit dieser beiden Norm- und Wertkategorien der Frühen Neuzeit blieb 
19 Vgl. dasgl. bzgl. der französischen Bauemrevolution Fehrenbach, Unruhen, S.37. 
2Ü Vgl. die Saarbrücker Regierungsakte über die Konferenz mit den Städten bzgl. der Privilegien- 
konfirmation v. 24.November 1770: LA SB 22/2851, fo!.170f. 
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