Full text: Obrigkeit und Untertanen

rung gegenüber seinen Untertanen14. Die Vormünderin, Fürstin Charlotte Amalie, 
hingegen sah in dem Herrscheramt allein schon aus ihrem kalvinistischen Religions¬ 
verständnis heraus auch eine Last, sie fühlte sich als verordnete Landesregentin und 
ließ nur noch anbey jedermänniglich Unserer beständigen Huld und Gnade und alles 
Guten, absonderlich aber der Handhabung bey Recht und Gerechtigkeit versichern15. 
Damit war in Nassau-Saarbrücken die 'Entzauberung der Monarchie von Gottes 
Gnaden' eingeleitet, und damit war auch klar, was an die Stelle des Gottesgnaden- 
tums treten sollte: das neue zweckrationale, vom Staat gesetzte Recht. Dieses neue 
Recht erwuchs aus der Politik der 'guten Polizey', die durch die Konstituierung neuer 
staatlicher Aufgaben in ein strukturelles Spannungsverhältnis zum alten Recht geriet 
und neuer Durchsetzungsmodi bedurfte: "Zweckrationalität wurde ein wesentliches 
Charakteristikum der frühneuzeitlichen Staatstätigkeit und führte zu einer Erneue¬ 
rung des Rechtsbegriffs"16. An die Stelle des guten alten, ungesetzten und unge¬ 
schriebenen Rechts des Mittelalters, das als mehr oder weniger sittlich-moralische 
Kategorie Obrigkeit und Untertanen gleichermaßen band17, trat nun auf dem Wege 
der 'guten Polizey' das neue, moderne, vom Staat gesetzte Recht, dem die Untertanen 
in idealtypisch willenloser Form zu gehorchen hatten. Das neue Recht stand in 
direkter Verbindung mit der Politik der 'guten Polizey', die ihren landesweiten, die 
mittelalterlichen Personen- und überschaubaren Rechtskreise überschreitenden allge¬ 
meinen Gültigkeitsanspruch in Form von Landes-, Polizei-, Gerichts- und Dorf¬ 
ordnungen zu realisieren suchte. In Nassau-Saarbrücken wurde diese Politik erstmals 
unter nassau-usingischer Vormundschaft konsequent in Angriff genommen - 
bekanntlich begann die "Verstaatlichung des Landgemeinderechts" hier erst im Jahre 
1737, als an die Stelle der alten genossenschaftlichen, als Dorfeinungen festgestellten 
Gemeindeordnungen die neuen "fürstliche(n) Rechtsgebote in der Form staatlicher 
Dorfordnungen" traten18. Damit war auch der neue Rechtsbegriff installiert, der in 
letzter Konsequenz auf eine Beseitigung oder doch zumindest Aushöhlung des Got- 
tesgnadentums hinauslief. Nur so ist das Huldigungsversprechen der Usinger Vor¬ 
münderin zu verstehen, die Untertanen nur noch anbey der Huld und Gnade, ab¬ 
sonderlich aber des Rechts und der Gerechtigkeit zu versichern. Dieser grundstürzen¬ 
de Rationalisierungsprozeß, der von der vormundschaftlichen Herrschaft eingeleitet 
und von den beiden letzten nassau-saarbrückischen Fürsten immer weiter vorange¬ 
trieben wurde, blieb nicht ohne Rückwirkung auf die Untertanenschaft. 
14 Vgl. den anonymen Bericht über die Huldigung von 1724: LA SB 22/2287, zit. S 8 u. S 6 (falsch 
paginiert). 
15 Vgl. die Vollmachtserteilung der Fürstin Charlotte Amalie an ihren Geheimen Rat Friedrich von 
Bode, Usingen 27.Mai 1728: HHSTA W1 131 la 16, unpag. 
16 Holenstein, Huldigung, S.380. 
17 Vgl. allgem. dazu Kern, Recht. 
18 Scherer, Landgemeindeverwaltung, S.166. 
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