Full text: Obrigkeit und Untertanen

analytischen Konzept der 'politischen Kultur' gerecht zu werden5. Politische Kultur 
geht nämlich nicht allein in den Einstellungs- und Verhaltensweisen der Gesell¬ 
schaftsmitglieder zum jeweiligen politischen System auf; ihre Analyse zielt vielmehr 
auf das System als Ganzes und umschließt daher immer auch die herrschaftliche 
Seite. Das aus den USA stammende, von Almond und Verba angeregte Konzept der 
'politischen Kultur' geht von der "Gesamtheit handlungsrelevanter Einheiten" aus und 
zielt auf "die Analyse ihrer Interaktionen und Interdependenz(en)"; seine Bedeutung 
liegt darin, "daß es das gesamte politische System wieder in den Blick bekommt"; 
und mit der Gesamtheit des politischen Systems sind sowohl seine "inputs", d.h. 
Interessen, politische Wertüberzeugungen und Verhaltensweisen als auch seine "Out¬ 
puts", wie Gesetze, materielle Leistungen und der gesamte politisch-administrative 
Willens- und Entscheidungsbereich gemeint. Peter Reichel, der das analytische 
Konzept der ’politischen Kultur' auch für die bundesrepublikanische politikwis¬ 
senschaftliche Forschung fruchtbar gemacht hat, sieht den Vorteil dieses Konzepts 
gerade darin, "daß nicht nur einzelnen Elemente (Werte, Einstellungen etc.), sondern 
die Totalität des Wirkungszusammenhangs von Individuum und politischem System 
sichtbar gemacht werden kann"6. Auch und gerade bei der Erforschung der politi¬ 
schen Kultur kommt es also auf den Interaktionsprozeß zwischen Staat und Gesell¬ 
schaft bzw. - in die Vormodeme übertragen - zwischen Obrigkeit und Untertanen an. 
Da die frühneuzeitliche Protestforschung hauptsächlich an der Untertanen-Per- 
spektive orientiert ist, sind ihr zwei ganz entscheidende politisch-gesellschaftliche 
Wert- und Normvorstellungen entgangen, die die politische Kultur im ausgehenden 
Ancien Régime maßgeblich prägten, wenn nicht sogar konstituierten. Ich meine das 
Gegensatzpaar der traditionalen 'Gnade' und des modernen 'Rechts'7 8. 
Schon den Zeitgenossen im 18. Jahr hundert war der innere Widerspruch, ja die ei¬ 
gentliche Unvereinbarkeit dieser beiden Norm- und Wertkategorien bewußt. Gna¬ 
densachen, so schrieb Johann Jakob Moser in seinem 'teutschen Staatsrecht' im Jahre 
1773, seyend Gerechtsame eines teutschen Landesherms, in deren Ausübung er in so 
ferne freye Hände hat, daß ihre Ertheilung in seiner Willkühr beruhet und niemand 
sie von ihme schlechterdings mit Recht fordern, mithin auch sich nicht mit Grund be¬ 
schweren kan, wann der Regent ihme in seinem Gesuch nicht willfahret: Sie seynd 
also gewissermaßen denen Justiz- und Rechts- wie auch denen Policey-Sachen 
entgegen gesezf. Moser hatte messerscharf den Gegensatz zwischen willkürlicher 
Gnade und vom Staat gesetzten Recht erkannt, er beschrieb bereits eine Entwick¬ 
5 Vgl. zum Folgenden vor allem Reichel, Politische Kultur, S. 18-58; s.a. den vorzüglichen Forschungs¬ 
bericht von Linsmayer, Politische Kultur, S. 11-18 sowie dessen Plädoyer für eine'politische Kultur¬ 
geschichte' ebd., S.437-456. 
6 Reichel, Politische Kultur, S.20-23. 
7 Beide Wertkategorien sind von der Protestforschung bislang noch nicht untersucht worden, vgl. 
Blickle, Unruhen, S. 107-109 sowie Gabel, Widerstand, S.337-412. 
8 Moser, Staatsrecht Bd. 16,7, S.l. 
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