Full text: Obrigkeit und Untertanen

che Remedur nachsuchen würde50. Zur gleichen Zeit stellten beide Bürgerschaften 
eine Vollmachtserklärung auf einige Gerichtsmitglieder zur Bestellung eines Anwalts 
für einen Prozeß am Reichskammergericht aus; die Vollmachtserteilung war unter¬ 
zeichnet von 526 Bürgern aus beiden Städten51. Eine Woche später folgten die 
Deputierten des Völklinger Hofs und von 15 Gemeinden der Köllertaler Meierei 
unter solidarischer Verbündung und schlossen sich der städtischen Vollmachts¬ 
erteilung an die Gerichtsmitglieder an52. Zum Anwalt der Stadt- und Landuntertanen 
beim Reichskammergericht wurde der Wetzlarer Procurator und Titutalhofrat Abel 
bestellt53. Alle Schritte für einen Prozeß am Reichskammergericht waren eingeleitet. 
Dennoch sollte es zu keinem Reichsprozeß kommen. Die 'äußeren Umstände’ des 
Jahres 1792 machten es gar nicht mehr notwendig, den 'langen Weg' nach Wetzlar 
einzuschlagen. Mittlerweile stand nämlich zu erwarten, daß französische 
Revolutionsheere die Grenze überschreiten und die revolutionäre Befreiungsideolo¬ 
gie ins Ausland 'exportieren' würden. Der freiheitliche Universalanspruch der Revo¬ 
lution sollte auf den Spitzen der Bajonettes eingelöst werden54. Das politische Klima 
in den angrenzenden Reichsterritorien änderte sich damit im Herbst 1792 noch 
einmal zugunsten der Untertanen, ganz ähnlich wie im Sommer 1789. 
Obwohl die Prozeßschrift fürs Reichskammergericht schon abgefaßt war, erschien 
eine zahlreiche Deputation der Saarbrücker und St.Johanner Bürgerschaft zusammen 
mit den Vorstehern der prozeßwilligen Gemeinden des Völklinger Hofs und der 
Köllertaler Meierei noch ein Mal bei der Saarbrücker Regierung. Die Stadt- und 
Landdeputierten erklärten unter Bezeugung ihrer Liebe zum Frieden, daß sie direkte 
Vergleichsverhandlungen mit der Regierung einem langwierigen Reichsprozeß 
vorziehen würden, wobei auf beiden Seiten Ausschüsse gebildet werden sollten. 
Auch das Regierungskollegium versicherte nun, daß es nichts anderes als gute Ruhe 
und Einigkeit zwischen der Landesherrschaft und ihren Unterthanen verlange und 
daß der Fürst ebenfalls nicht abgeneigt seyn würde[n], in dem Weg der Güte eine 
besondere Commission zu gestatten55. In diesem Sinne wurde bereits mit der Wahl 
der Ausschüsse begonnen56. Bereits am lO.November, also noch vor dem Einmarsch 
50 Vgl. die Petition der Stadt- und Landdeputierten an die Saarbrücker Regierung wg. der Landkasse, 
Saarbrücken 10.Februar 1792: LA SB 22/3038, fol.86-89. 
51 Vgl. die Bekanntgabe des Blieskasteler Notars Leister vom 11.Februar 1792: LA SB 22/3038, fol.90- 
97. 
52 Vgl. die Vollmachtserklärung der Deputierten des Völklinger Hofs und einiger Gemeinden des 
Köllertals, Hilschbach lö.Februar 1792: LA SB 22/3038, fol,3-6 (hier auch die Nennung aller proze߬ 
willigen Köllertaler Orte). 
53 Vgl. die Vollmachtserteilung an den Procurator Abel durch die Stadtgerichte, Saarbrücken 10.Februar 
1792: LA SB 22/3038, fol.98f. 
54 Vgl, zum Revolutionskrieg Fehrenbach, Ideologisierung, S.57-66. 
55 Vgl. die Saarbrücker Regierungsakte über die Unterredung mit den Stadtdeputierten wg. der Landkas¬ 
se, Saarbrücken 9.November 1792: LA SB 22/4719, fol.76f. 
56 Vgl. die Regierungsakte vom gleichen Tag: ebd., fol.77f. 
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