Full text: Obrigkeit und Untertanen

Bei dem Prozeß ging es um ein zentrales, wenn nicht das zentrale städtische Selbst¬ 
verwaltungsrecht, das auf den Freiheitsbrief von 1322 zurückging: die Wahl der 
Schöffen aus der Bürgerschaft, aus der sich - wie wir gehört haben - im Laufe der 
Zeit em 'kooptatives Vorschlagsrecht' der Gerichtsmitglieder entwickelt hatte309. Seit 
der vormundschaftlichen Regierung Charlotte Amaliens versuchte die Herrschaft 
mehr oder weniger erfolgreich dieses Vorschlagsrecht zu unterminieren, aber be¬ 
zeichnenderweise kam die Angelegenheit erst im Jahre 1786 unter Fürst Ludwig vors 
Reichskammergericht. Die St.Johanner Bürgerschaft bat, wie ihr Anwalt sagte, 
principialiter um ein Mandatum sine clausula gegen ihren Fürsten310. Ennen hat die 
Prozeßschriften genau untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß die 
fürstlichen Argumente unter einem inneren Widerspruch litten: "Gedankengänge, die 
an den unumschränkten Absolutismus des französischen Königtums erinnern, finden 
sich unvermittelt neben einer konservativen, traditionalistischen Haltung, die eine 
Bindung des Fürsten an wohlerworbene Rechte der Untertanen nicht leugnet"311. Das 
exakt war das Grunddilemma des aufgeklärten Reformabsolutismus: Auch vom 
herrscherhchen Anspruch her schwankte er permanent 'zwischen Konsens und 
Disziplinierung'.312 Er schleppte das altständische Moment des Konsenses mit sich 
und trieb zugleich die 'Sozialdisziplimerung' ihrem Höhepunkt entgegen. Kein 
Wunder, daß sich die Untertanen dieses Dilemma zunutze machten, zumal das 
mittelalterliche Mutualitätsdenken bei ihnen nie völlig zum Erliegen gekommen war. 
Bei dem St.Johanner Prozeß findet sich auch die für die reformabsolutistische Herr¬ 
schaft so typische Interpretation des städtischen Freiheitsbriefs, der wir schon zuvor 
begegnet sind: Die Herrschaft bezog sich in ihren Verteidigungsschriften gar nicht 
auf den Freiheitsbrief, sondern auf den 'Revers' der Städte über diesen und gelangte 
so zu der grotesken, aber für das Zeitalter des Absolutismus ganz bezeichnenden 
Behauptung, der Freiheitsbrief sei "eine feierliche Verpflichtung der Städte gegen¬ 
über ihrem Landesherm"313. Die Gegenposition der Stadt hat - laut Ennen - gezeigt, 
daß im 18.Jahrhundert die Idee der Selbstverwaltung noch lebendig war: "Die 
städtischen Privilegien werden als ein zwischen Bürgerschaft und Regent getroffenes 
Übereinkommen angesehen, das nicht einseitig geändert oder aufgehoben werden 
kann"; der Fürst ist "keineswegs der alleinige Träger der politischen Gewalt (...), 
auch die Gemeinde besitzt solche staatliche Gewalt; ihre Verteilung auf Fürst und 
Gemeinde ist in den Privilegien geregelt, die also nicht fürstlicher Willkür unterwor¬ 
verzichtet. 
3(IV Vgl. zur Wahl der Gerichtsmitglieder den l.Art. des Freiheitsbriefs v. 1322 beim Abdruck v. Köllner, 
Städte I, S.28; zur Veränderung der Wahl der Organe vgl. Ennen, Organisation, S.47ff. 
310 Vgl, den Brief des St.Johanner Anwalts und Wetzlarer Hofrats Rasor an den Zweibrücker Advokaten 
Kiesewetter (der die St.Johanner vor Ort vertrat), Wetzlar 19.Februar 1788: StadtA SB Stadtger. 
St.Joh. 238, unpag. 
311 Ennen, Organisation, S. 15lf. 
312 Vgl. oben Kap. II.la. 
313 Ennen, Organisation, S.151. 
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