Full text: Obrigkeit und Untertanen

Aber noch eine ganz wichtige Wechselwirkung zwischen herrschaftlicher Politik und 
Untertanenprotest konnten wir feststellen: Die seit der nassau-usingischen 
Herrschaftsübemahme kontinuierlich vorangetriebene Verrechtlichungspolitik wirkte 
sich auf eine Art und Weise auf den Privilegienstreit aus, wie es sich die Herrschaft 
nicht vorgestellt hatte. Die Bürger der beiden Saarstädte hatten die 'Rationalisierung 
von Herrschaft', die den aufgeklärten Reformabsolutismus in der Hauptsache kenn¬ 
zeichnete, und die daraus resultierende Rationalisierung des Verhältnisses von 
Obrigkeit und Untertanen nicht nur akzeptiert, sie begannen sie sogar gegen die 
Herrschaft selbst zu wenden. Dies zeigte sich zum einen daran, daß sie die 
jahrundertelang übliche 'Gottesgnadenformer nun nicht mehr widerspruchslos 
hinnahmen, sondern zum Teil bereits durch rationale Vertragsformeln ersetzt wissen 
wollten; zum andern trugen sie in die gesamte Auseinandersetzung eine starke 
Verrechtlichungstendenz, die sich sowohl im sprachlichen Umgang als auch in¬ 
stitutioneil in den Konfliktaustragungsformen niederschlug. Die Beschwerde über die 
Einführung des Kartoffelzehnten auf den städtischen Bännen beispielsweise ging 
weiter, weil der Fürst ganz normativ auf seiner Zehntgerechtigkeit beharrte; die 
Bürgerschaften hielten ihm nun jedoch entgegen, daß wenn er auf 'rechtlicher Stren¬ 
ge' bestehen würde, sie auch nur noch das leisten würden, wozu sie von strengsten 
Rechtswegen verpflichtet seien, d.h. all das, was sie bislang nur aus gutem Willen 
getan hätten, wie etwa die Aufnahme von Soldaten aus dem Kreiskontingent oder der 
Leibwache, würde künftig einem stärker durchrationalisierten Herrschaftsverhältnis 
zum Opfer fallen306. Was schließlich die Konfliktaustragungsformen anbelangte, so 
konnten wir ab 1780 einen deutlichen Wandel erkennen, indem sich die Bürger viel 
spontaner und ohne schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Herrschaft an eines der 
beiden Reichsgerichte wandten; auch dies war eine Wirkung der allumfassenden 
Verrechtlichungspolitik, die die Herrschaft so nicht mitbedacht hatte; denn die 
Reichsgerichte galten generell als die Schützer und Wahrer der alten Freiheiten und 
Privilegien, und wenn die Untertanen einen Eingriff in ihre Rechte nachweisen 
konnten, dann hatten sie die besten Chancen für einen erfolgreichen Reichsprozeß307. 
Ein schlagendes Beispiel hierfür liefert der St.Johanner Reichskammergerichtsprozeß 
gegen Fürst Ludwig aus den Jahren 1786 bis 1788, auf den wir zum Schluß noch 
kurz eingehen wollen, wobei wir uns auf die Ergebnisse von Edith Ennen stützen 
können, die diesen Prozeß in aller Breite geschildert hat308. 
5(16 Vgl. die Beschwerde des Saarbrücker Stadtgerichts an Fürst Ludwig wegen des Kartoffelzehnten v. 
3.Oktober 1785: StadtA SB Stadtger. SB 256, unpag. 
307 Vgl. allgem. dazu Press, Landstände, S. 133ff., dessen Aussagen in Bezug auf den Reichshofrat sich 
exakt mit unseren Befunden decken. 
,011 Vgl. zum St.Johanner Reichskammergerichtsprozeß gegen Fürst Ludwig Ennen, Organisation, S. 147- 
153, s.dazu auch die im Anhang abgedruckten Dokumente; Ennen stützt sich ausschließlich auf den 
Aktenband: LA SB 22/2913; der Fall ist jedoch weiter dokumentiert in den beiden Aktenbänden: 
StadtA SB Stadtger. St.Joh. 238, unpag. und LHA KO 56/897 (362S.); von der Sache her und vor 
allem von der vorzüglichen Interpretation Ennens ergeben die beiden Aktenbände allerdings keine 
neuen Ergebnisse; daher wurde hier auch auf eine nochmalige breite Schilderung dieses Falles 
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