Full text: Obrigkeit und Untertanen

die außerhalb der Stadtmauern lagen; und schließlich wollten sie die Brückengeld- 
Befreiung, ein gänzlich neuer Punkt, der mit dem aufblühenden Handel zusammen¬ 
hing, in den Privilegienkatalog aufgenommen wissen. Wirtschaftlich gesehen - das 
hat die Supplik in besonderer Weise gezeigt -, hatten sich die Zeiten geändert, was 
jedoch die politische Kultur betraf, die maßgeblich von herrschaftlichen Vorgaben 
abhing, so war alles beim alten geblieben: So wie der Fürst selbst seine Politik noch 
mehr auf 'Gnade' denn auf 'Recht' setzte, so sahen auch die Stadtgerichte in den 
Privilegien weiterhin ausschließlich Gnaden-Bezeugungen der Herrschaft und baten 
den Fürsten, er möge ihnen die alten Rechte in hohen Gnaden wieder bestätigen. Als 
Gegenleistung versprachen sie die genaueste Beobachtung der Pflichten gehorsamer 
und getreuer Unterthanen149. Die Verrechtlichungspolitik Wilhelm Heinrichs war 
noch nicht weit genug gediehen, um den neuen, auf Zweckrationalität basierenden 
Rechtsbegriff in den Köpfen der Untertanen zu verankern. 
Was jetzt folgte, war eine ausführliche und sehr ins Detail gehende Begutachtung der 
städtischen Supplik, die von den Mitgliedern der Saarbrücker Regierung und Rent- 
kammer durchgeführt wurde und sich von April bis November 1762 hinzog150. Allein 
schon die Tatsache, daß sich die herrschaftlichen Behörden nun - ebenso wie erst¬ 
mals unter vormundschaftlicher Ägide - eingehend mit den städtischen Privilegien 
befaßten, zeigt doch, daß "im 18.Jahrhundert der Staat karg im Verteilen von Privile¬ 
gien und peinlich genau auf die Wahrung seiner Rechte bedacht (war)"151. Aber mehr 
noch: Die Gutachten bestätigten auch den unauflöslichen Zusammenhang zwischen 
der Politik der 'guten Polizey' und der Behandlung der städtischen Privilegien. So 
fand etwa die Saarbrücker Rentkammer, daß die Weinkaufzehrungen auf dem 
Rathaus mit Recht vor ein paar Jahren abgeschafft worden seien, weil dieser Unfug 
nur zu vielem Nachtheil derer Unterthanen gereichte und überhaupt das bonum 
publicum dem bono privato vorgesezet werden mußI52 153. Die Saarbrücker Regierung 
schloß sich diesem Votum an und war ebenso dafür, daß die ehemahlen üblich 
gewesenen starcke(n) Zehrungen nicht mehr in den städtischen Privilegienkatalog 
aufgenommen werden sollten, weilen sie gegen eine gute Policey laufen,53. Unter der 
Vorgabe des Gemeinwohls - dies sei nochmals betont - erhob die Politik der guten 
Polizei einen landesweiten Anspruch, der letztlich keinen Platz mehr für ständisch¬ 
korporative Freiheiten ließ154. Der Saarbrücker Hof- und Regierungsrat von Lüder 
brachte diese gemeinwohlorientierte Politik auf den Punkt, wenn er fand, daß einige 
Pnvilegien nach veränderten Umständen wieder entzogen werden könnten, zumah¬ 
149 Petition der beiden Städte an den Fürsten wegen ihrer Privilegien v. 18.Februar 1762: LA SB 22/2851, 
fol.3r.u.7r. 
150 Vgl. die einzelnen Gutachten der Saarbrücker Behörden in: LA SB 22/2851, fol.35-85. 
151 Ennen, Organisation, S. 140. 
152 Votum der Saarbrücker Rentkammer v. 6 April 1762: LA SB 22/2851, fol.35v. 
153 Votum des Saarbrücker Regierungsrats Lex v. 20.Mai 1762: LA SB 22/2851, fol.43r. 
154 Vgl. allgem. dazu Willoweit, Intermediäre Strukturen. 
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