Full text: Obrigkeit und Untertanen

hend war. Am Ende des Köllertaler Prozesses gegen Fürst Ludwig stand - so wird 
man pointiert sagen können - eine politische Diskussion über ein landständisches 
Verfasssungsmodell des nassau-saarbrückischen Duodezfürstentums33'. Angesichts 
der Tatsache, daß es in Nassau-Saabrücken nie Landstände gegeben hat, war dies ein 
geradezu ungeheuerlicher Vorgang. Der Kommunikations- und Interaktionsprozeß 
zwischen Obrigkeit und Untertanen war gegen Ende des Prozesses immer dichter 
geworden, der Politisierungsgrad bereits vor dem Ausbruch der Französischen 
Revolution recht groß332. 
Aber wie stand von Zwierlein zu den vertraglichen Partizipationsansprüchen, die sich 
vor allem auf die Beschwerde über die Monetarisierung der Frondienste bezogen? 
Hierüber war mit dem fürstlichen Anwalt absolut nicht zu reden, es war für ihn nicht 
nachvollziehbar, wie der Untertanenadvokat behaupten konnte, daß das Dienstgeld 
nur 'per pactum expressum' eingeführt werden könnte; deswegen ging er auch gar 
nicht weiter auf diese Forderung ein333. Wir wollen aber gerade diesen Aspekt in 
Erinnerung behalten, wenn wir uns gleich dem nächsten größeren Konflikt in der 
zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts zuwenden: dem Privilegienstreit der beiden 
Städte Saarbrücken und St.Johann. Eigentlich gehören solche Vertragsforderungen 
nämlich in die 'bürgerliche Welt’334. Aber die Köllertaler Bauern erhoben diese 
Forderungen ja auch nicht von sich aus, sondern benötigten dafür - sozusagen als 
Katalysator - einen Reichsjuristen. Dennoch verlief die von den Reichsjuristen 
geführte Diskussion nicht im 'luftleeren Raum', zumindest die Köllertaler Deputierten 
waren wohl informiert über die Argumente und kannten auch die einzelnen Proze߬ 
schriften. Schon vor der Inanspruchnahme der Advokaten und überhaupt auch der 
Gerichte konnten wir die altständischen Vorstellungen von Konsens und Partizipa¬ 
tion bei den Köllertaler Bauern ausmachen. Ihre 'mittelalterlichen' Mutualitätsvor¬ 
stellungen trafen sich auf kongeniale Weise mit der reichsrechtlich abgesicherten 
altständischen Position der Kammergerichtsadvokaten und bildeten zusammen eine 
starke Bastion gegen den Reformabsolutismus. Der Köllertaler Austrägal- und 
Reichskammergerichtsprozeß gegen Fürst Ludwig ist ein exemplarischer Beleg für 
die These, die Claudia Ulbrich im Kontext vorrevolutionärer Unruhen aufgestellt hat: 
"In der Gegnerschaft gegen den aufgeklärten Absolutismus und den bürokratischen 
Zentralismus treffen der Traditionalismus der Bauern und der ’Frühkonservativismus' 
der Juristen aufeinander, führen sie einen fruchtbaren Dialog"335. 
531 Vgl. zu dieser nicht unüblichen Debatte gegen Ende des 18.Jahrhunderts Dreitzel, Ständestaat, bes. 
S.30ff. 
333 Vgl. dagegen Fehrenbach (Unruhen, S.28-44), für die der Politisierungsprozeß erst durch die Franzö¬ 
sische Revolution ausgelöst wurde. 
333 Vgl die Stellungnahme zur Beschwerde über das Frongeld in der Duplik des herrsch. Anwalts 
Zwierlein ans RKG v. lö.Juli 1783: LA SB 22/2717, fol.363. 
334 Vgl. dazu Saage, Frühbürgerliche Gesellschaftstheorie. 
335 Ulbrich, Rheingrenze, S.228. 
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