Full text: Obrigkeit und Untertanen

wieder die allgemeine Steuer abschaffen und damit zusammenhängend die Unteilbar¬ 
keit der Vogteigüter einführen, schließlich das Dekret von 1767 über die Einführung 
der Steuer aufheben und den Untertanen ausdrücklich gestatten würde, ihre Steuer- 
Abgaben anstatt in blosem Geld wiederum in Frucht, Heu und Geld abzuführen221. 
Damit hatte sich der kammergerichtliche Anwalt eines absolutistischen Fürsten bis zu 
einem bislang unvorstellbaren Grad auf die altständischen Partizipationsansprüche 
des Untertanen-Anwalts eingelassen. Man muß sich diesen Vorschlag von Zwierleins 
noch einmal vor Augen führen: Unter der Bedingung eines souverän gefaßten 
Mehrheitsbeschlusses der Köllertaler Bauern war die nassau-saarbrückische Herr¬ 
schaft bereit, die 'modemstaatlichen' Maßnahmen der Generalrenovatur, der 
Vogteigüterteilung und der neuen Steuer wieder rückgängig zu machen. Hier zeigt 
sich doch, welcher Zerreißprobe ein Kammergerichtsadvokat ausgesetzt war, wenn 
er im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts einen absolutistischen Fürsten zu vertreten 
hatte: Einmal mußte er auf Durchsetzung des Standpunktes seines Mandaten, der 
geradlinig auf Beseitigung bzw. Verdrängung konsensueller Entscheidungsfindung 
hinauslief, bedacht sein, und zum andern stand er auf dem Boden des Reichsrechts, 
das die ständischen Mitspracherechte konservierte, ja ihnen im späten 18.Jahrhundert 
gar eine "Renaissance" verschaffte, die wiederum sein Gegenspieler, der Untertanen- 
Advokat, weidlich auszunutzen verstand* 328. 
In die gleiche Richtung ging die Stellungnahme von Zwierleins zur Landgelder¬ 
beschwerde. Zwar lehnte er in diesem Punkt nach wie vor jegliche vorgängige 
Communication mit denen Unterthanen ab, aber die Begründung seiner intransi¬ 
genten Haltung war das entscheidende: Übrigens ist nicht abzusehen, wozu den 
Appellanten die Communication des Status exigentiae dienen soll, da sie keine 
Landstände sind und einen sehr geringen Theil der Einwohner des Cöllerthals und 
einen kaum merklichen Theil sämtlicher Unterthanen der Grafschaft Saarbrücken 
ausmachen, die mit der hergebrachten Ausschreibung und Erhebung der Landgelder 
vollkommen zufrieden sind329. Mit anderen Worten: Wenn die Mehrheit der nassau- 
saarbrückischen Untertanen für ein Vetorecht bei der Landgeldererhebung plädieren 
würde, dann ließe die Herrschaft auch in diesem Punkte mit sich reden. Ohne es hier 
zu wissen, sollte der Fürst schon bald - unter den Vorzeichen der Revolution im 
Nachbarland - auf die Probe gestellt und von den Untertanen beim Wort genommen 
werden330. Bleibt festzuhalten, daß das Eingehen der Herrschaft bzw. ihres Anwalts 
auf die Konsensvorstellungen des Köllertaler Anwalts ganz außergewöhnlich weitge¬ 
3:7 Vgl. die Stellungnahme zur Beschwerde über die Einführung der neuen Steuer in der Duplik des 
herrsch. Anwalts Zwierlein ans RKG v. 16.Juli 1783: LA SB 22/2717, fol.359r.-361v. (zit.361v.). 
328 Zur 'Renaissance' der korporativen Kräfte im späten 18.Jahrhundert vgl. Press, Österreich, bes. S.239f. 
mit der weiterführenden Literatur. 
329 Vgl. die Stellungnahme zur Landgelderbeschwerde in der Duplik des herrschaftl. Anwalts Zwierlein 
ans RKG v. lö.Juli 1783: LA SB 22/2717, fol.364v.-366r. (zit.365f.). 
330 Vgl. dazu unten das Schlußkap.2). 
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