Full text : Obrigkeit und Untertanen

Als  der  Fürst  im  Jahre  1776  alle  Gemeinden  der  Grafschaft  zur  Übergabe  ihrer
Beschwerden  aufforderte,  da  überreichten  die  Köllertaler  nicht  wie  alle  übrigen
Meiereien  am  14.Mai  eine  Beschwerdeschrift,  sondern  sie  wählten  sogleich  aus  ihrer
Mitte  einige  Deputierte  und  bevollmächtigten  sie,  ihre  Klagen  dem  Fürsten  vorzutragen8
 86,  Am  29.  Juni  1776  stellten  die  Heimeier  bzw.  die  Gerichtsmänner  von  25
der  insgesamt  29  Gemeinden  des  KÖllertals  eine  Vollmacht  aus,  in  der  sie  ihre
Bereitschaft  erklärten,  gemäß  des  fürstlichen  Beschwerdeaufrufs  ihre  Klagen  wegen
neuer  und  alter  Gerechtigkeit  in  Saarbrücken  vorzubringen;  zugleich  gaben  sie
bekannt,  daß  sämtliche  Unterthanen  ihrer  Orte  nach  der  alten  Renovatur  von  1684
und  nicht  nach  der  neuen  Generalrenovatur  der  1750er  Jahre  gehalten  werden  wollten;
  die  Reunionszeit  unter  französischer  Verwaltung  schien  in  positiver  Erinnerung,
und  die  neue  Generalrenovatur,  die  durchaus  'moderne'  Züge  trug,  wurde  zurückgewiesen;
  die  Ortsvorsteher  kündigten  an,  daß  schon  bald  beim  Fürsten  um  eine  rechte
Gerechtigkeit  nachgesucht  werde87.  Von  Anfang  an  verliehen  die  Köllertaler  ihrem
Protest  einen  stärkeren  Rechtscharakter.  Die  vier  Orte  des  Köllertals,  die  die  Vollmacht
  nicht  unterzeichnet  hatten,  waren  Niedersalbach,  Kirschhof,  Kutzhof  und
Strassen,  wobei  interessanterweise  die  ersten  drei  erst  infolge  der  Grenzbereinigung
von  1766/70  zur  Köllertaler  Meierei  Hilschbach  gekommen  waren88.  Mit  der  Übergabe
  der  Beschwerden  beim  Fürsten  wurden  folgende  Personen  betraut:  Johann  Georg
Klein  aus  Hilschbach,  Johann  Nickel  Ort  aus  Sprengen,  Johannes  Friedrich  Kläs  aus
Engelfangen  und  Sebastian  Albert  aus  Rittenhofen89.  Nur  einer  der  vier  Deputierten
hatte  ein  Amt  inne:  Friedrich  Kläs  war  Gerichtsmann  von  Engelfangen  und  zugleich
auch  der  Schwager  von  Georg  Klein  aus  Hilschbach90.  Die  Deputierten  überreichten
dem  Fürsten  eine  Beschwerdeschrift,  in  der  in  17  Punkten  um  Abänderung  der  teils
gegen  das  Herkommen  und  teils  gegen  den  ruhigen  Besitz-Standt  laufenden  Auflagen
der  Herrschaft  gebeten  wurde91.  Der  Fürst,  der  sich  ja  mit  den  Beschwerden  sämtli-8S

  Vgl.  das  Votum  des  Saarbrücker  Kanzleidirektors  Handel  über  den  Beginn  des  Köllertaler  Protests,
Saarbrücken  14-Juli  1777:  LA  SB  22/2713,  S.46-48.
87  Vollmacht  der  Meier  und  Gerichtsleute  von  25  Köllertaler  Orten  zur  Beschwerdeübergabe  beim
Fürsten,  Heusweiler  29.Juni  1776:  LA  SB  22/2715,  S.369-373  (zit.369f.);  zur  Generalrenovatur  der
1750er  Jahre  und  ihren  'modernen'  Grundzügen  vgl.  Gerhard,  Steuerwesen,  S.155ff.
88  Vgl.  Scherer,  Landgemeindeverwaltung,  S.56.
89  Vgl.  dazu  die  Bekanntgabe  des  kaiserlichen  Notars  Creuz  über  die  Auftragserteilung  der  Köllertaler
Deputierten  zur  ordnungsgemäßen  Abhaltung  eines  Zeugenverhörs,  Saarwellingen  27.Mai  1777:
LA  SB  22/2713,  S.223-229.
90  Vgl.  Rüg,  Familienbuch  I:  danach  war  Johann  Georg  Klein  (S.315/Nr.860)  verheiratet  mit  Anna
Elisabeth  Kläs  aus  Engelfangen;  besagte  Anna  Elisabeth  Kläs  war  wiederum  die  Tochter  von  Hans
Mathias  Kläs  und  die  Schwester  von  Johann  Friedrich  Kläs  (S.299/Nr.810);  zu  Friedrich  Kläs:
S.300/Nr.814,  allerdings  ohne  Angabe  des  Amtes  als  Gerichtsmann;  die  anderen  beiden  Deputierten
Albert  und  Ort  sind  bei  Rüg  nicht  verzeichnet.  Daß  Friedrich  Kläs  Genchtsmann  von  Engel  fangen
war,  ergibt  sich  u.a.  aus  dem  Votum  des  Saarbrücker  Regierungsrats  von  Jossa  über  den  Beginn  des
Köllertaler  Protests,  Saarbrücken  14,Juli  1777:  LA  SB  22/2713,  S.44-46.
91  Diese  erste  Supplik  der  Köllertaler  ist  nicht  mehr  vorhanden;  vgl.  dazu  den  Hinweis  aus  der  Bittschrift
der  beiden  Köllertaler  Deputierten  Johannes  Rupp  von  Sprengen  und  Jakob  Velten  von  Sellerbach  an
301
            
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