Full text : Obrigkeit und Untertanen

Steuerungsmechanismen  wie  Exportsperren  oder  Ankäufen  aus  Nachbargebieten
nicht  mehr  reguliert  werden  konnte40 41.  Der  St.  Johanner  Bürger  Heinrich  Gottlieb
notierte  schon  im  Jahre  1770  in  sein  'Tagebuch',  daß  der  auserordentlich(e)  Fruchtpreisanstieg
  bei  den  armen  Leuthen,  insonderheit  bei  der  geldrahren  Zeit  großes
Lamentiren  verursachte;  viele  Landleute  hätten  einen  fünf-  bis  sechsstündigen
Fußmarsch  auf  sich  genommen,  um  in  die  Schwesterstadt  Saarbrücken/St.Johann  zu
kommen  und  Brot  zu  kaufen,  wodurch  der  Mangel  immer  größer  wurde;  ein  Bäcker
names  Höth  hätte  sein  Hauß  oft  versperren  mäßen,  um  vor  dem  Tumult  einigermaßen
sicher  zu  sein,  weil  er  täglich  von  der  Menge  Brodhungrigen  bestürmt  zu  werden
bedrohet  wurdeA\  Ob  und  inwieweit  diese  'geldrare  Zeit'  eine  durch  die  Mißernte
verzerrte  Wahrnehmung  des  St.  Johanner  Bürgers  war  und  für  die  Stadtbevölkerung
objektiv  nicht  zutraf,  sei  einmal  dahingestellt42  -  der  großen  Mehrheit  der
Landuntertanen  hatte  Gottlieb  damit  fraglos  aus  der  Seele  gesprochen:  Sie  lebten
während  des  gesamten  Jahrhunderts  "in  ständiger  Armut"43  und  waren  von  der  1770
einsetzenden  Krise  in  besonderem  Maße  betroffen.
Die  Teuerung  der  Früchte  infolge  der  Mißernte  hielt  auch  im  nächsten  Jahr  an,  die
Preise  für  Korn,  Weizen  und  Hafer  waren  1771  immer  noch  sehr  hoch44.  Schon  zu
Beginn  des  Jahres  hatte  der  Fürst  deswegen  die  Verordnung  erlassen,  daß  derjenige,
welcher  Früchte  außer  Landes  verkaufen  thäte,  (...)  in  200  Reichsthaler  Strafe
verfallen  sein  sollte  und  alle  zu  verkaufenden  Früchte  auf  dem  Saarbrücker  Wochenmarkt
  angeboten  werden  sollten45 46.  Aber  diese  traditionelle  Steuerungsmaßnahme
nützte  nichts.  Auch  im  darauffolgenden  Jahr  war  die  Ernte  schlecht  ausgefallen  und
der  Fruchtpreis  genauso  hoch  wie  vor  dem  Jahr46.  Gleichzeitig  brachen  -  neben  den
mehr  oder  weniger  üblichen  widrigen  Witterungs  Verhältnissen  wie  trockenen  Sommern
  und  kalten  Wintern  -  einige  ungewöhnlich  schwere  Unwetter  über  unsere
Gegend  herein,  die  die  Krise  zusätzlich  verschlimmerten.  Schon  im  Juni  1773  war  es
zu  einem  fürchterlichen  Hagelwetter  und  einem  starcken  Regenwetter  gekommen47 48,
und  ein  Jahr  später,  im  Juni  1774,  ereignete  sich  erneut  ein  fürchterliches  Hagel-Wetter,
  welches  eine  gewaltige  Verwüstung  angerichtet  hat(te)4*.  Im  Frühjahr  des

40  Vgl.  dazu  mit  Bezug  auf  die  allgemeine  Entwicklung  Jung,  Ackerbau,  S.210f.
41  Gottlieb,  Tagebuch,  Eintrag  v.1770.
42  So  die  These  von  Jung,  Ackerbau,  S.210-227.
43  Karbach,  Bauernwirtschaften,  S.242.
44  Vgl.  Handel,  Memorabilia,  §20;  s.a.  Gottlieb,  Tagebuch,  Eintrag  v,1771.
45  Gottlieb,  Tagebuch,  Eintrag  von  1771.
46  Ebd.,  Eintrag  v.  1772.;  bei  Handel,  Memorabilia,  §  21,  heißt  es,  daß  auch  im  Frühjahr  1773  die
Früchte  noch  ziemlich  theuer  waren.
47  Gottlieb,  Tagebuch,  Eintrag  v.1773.
48  Handel,  Memorabilia,  §26.

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