Full text: Obrigkeit und Untertanen

Die Köllertaler beschwerten sich 1730 über folgende Geldabgaben: den Demeth, das 
Kreuzergeld, das Geißengeld, die Sporteln für herrschaftliche Proklamationsscheine, 
die Kanzlei- bzw, Gerichtsgebühren und den Leibschaft, der z.T. in Geld, z.T. in 
Naturallieferung bestand. Alle steuerlichen Klagen waren nicht grundsätzlicher 
Natur, sondern richteten sich allein gegen die Höhe der jeweiligen Abgabe. Das- 
gleiche gilt für die Beschwerden über die Verpachtung des Salz-, Tabak- und Brannt¬ 
weinverkaufs, die sich nur deswegen gegen die Verpächter wandten, weil sie den 
größten Profit daraus zögen und die Untertanen dementsprechend darunter leiden 
müßten30. Für die spätere Entwicklung ist es wichtig festzuhalten, daß der Köllertaler 
Protest in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts keinen grundsätzlichen Charakter 
besaß. In diesen Zusammenhang gehört auch, daß der Köllertaler Forstkonflikt unter 
nassau-usingischer Vormundschaft ein reiner Nutzungsstreit war und eben kein 
Eigentumskonflikt. Noch eine Klage, die die Köllertaler während des nassau-usingi- 
schen Forstkonflikts vorbrachten, ist von großer Bedeutung für den späteren Prozeß 
gegen Fürst Ludwig: Die Köllertaler beschwerten sich als einzige gegen die erstmals 
von der vormundschaftlichen Herrschaft eingeführten 'Untertanen-Advokaten', derer 
sie sich nun stets bedienen müßten statt wie bisher ihre Klagen mündlich vortragen 
zu dürfen. In der ersten Jahrhunderthälfte akzeptierten die Köllertaler Bauern die 
Einführung der Untertanenadvokaten nicht und wandten sich damit ganz traditional 
gegen einen Eckpfeiler der absolutistischen Ordnungspolitik, der ganz wesentlich zur 
Rationalisierung des Herrschaftsverhältnisses beitrug31. Wie rasch die Köllertaler 
aber mit dem Fortschreiten des Reformabsolutismus dazu lernten und die Unterta¬ 
nenadvokaten nicht nur nolens volens annahmen, sondern sich ihrer als Instrument 
gegen die Herrschaft bedienten, werden wir im folgenden am Austrägal- und Reichs¬ 
kammgerichtsprozeß gegen Fürst Ludwig sehen. Diese 'Verrechtlichung' der 
Auseinandersetzungen zieht nun ein ganz anderes Problem nach sich: Es sind jetzt 
nicht mehr in erster Linie die Köllertaler Bauern bzw. ihre Deputierten, die mit dem 
Fürsten verhandeln, sondern die von ihnen bestellten Landes- oder gar Reichsjuri¬ 
sten32. Dabei darf allerdings nicht der Eindruck entstehen, als ob die Bauern nichts 
vom Vorgehen ihrer Anwälte wüßten; denn: "nicht selten lebten", wie Claudia 
Ulbrich nachweisen konnte, "Juristen über Wochen und Monate in Herrschaften, in 
denen Unruhen ausgebrochen waren. Sie sprachen mit den Bauern, lernten ihre 
Lebensumstände und Rechtsvorstellungen kennen und forderten sie unter Umständen 
auch zum Widerstand auf'33. Wenn wir im folgenden den Köllertaler Protest, der sich 
mit der reformabsolutistischen Politik Fürst Ludwigs auseinandersetzte und sehr 
rasch in prozessuale Bahnen geriet, behandeln, dann wollen wir stets den "Prozeß der 
(bes. ab dem 18.Beschwerdepunkt: S.94ff.). 
30 Ebd., S.95. 
31 Vgl. allgem. dazu Demel, Reformstaat, S.10. 
3: Vgl. allgem. zur Verrechtlichungsthese Schulze, Veränderte Bedeutung, wobei dieses grundlegende 
Problem noch nicht diskutiert wurde. 
33 Ulbrich, Rheingrenze, S.227f. 
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