herzustellen15. Das Köllertal galt als "die Kornkammer des Fürstentums"16. Es hatte
die besten Ackerböden, sehr große landwirtschaftliche Nutzflächen mit einem Anteil
von z.T. mehr als 90% und schließlich mit einer Durchschnittsgröße von 26,7 Hektar
die weitaus größten Höfe der gesamten Grafschaft, deren durchschnittliche Hofgröße
bei 13 Hektar lag. Während die Bauern fast der Hälfte aller Höfe in der Grafschaft
Vollmeier waren, d.h. Besitzer einer ganzen Fuhr von mindestens vier Pferden oder
Ochsen, waren es in den beiden Köllertaler Meiereien sogar über 70% (in Völklingen
beispielsweise besaß nur jeder vierte Bauer eine Vogtei). Die überdurchschnittliche
Hofgröße im Köllertal wirkte sich aber nicht unbedingt positiv aus; denn die Höfe
waren zumeist zu groß, um in entsprechendem Maße ökonomisch genutzt zu werden,
was Fürst Wilhelm Heinrich zu der mißbilligenden Feststellung veranlaßte, daß
verschiedene Unserer Untertanen mehr Ackerland besitzen als sie bauen können und
dahero vieles ungebauet liegen lassen müssen'1. Daher stieß die Maßnahme des
Fürsten von 1764 über die Teilbarkeit der Vogteigüter bei den Köllertaler Bauern
nicht nur auf Verständnis, sie kam - wie wir im Kapitel über die reformabsolutistische
Politik gesehen haben - zu einem gewissen Grad auch auf Wunsch der Untertanen
zustande18.
Entsprechend den recht guten ökonomischen Ausgangsbedingungen war auch die
soziale Lage der Köllertaler Bauern, die sich wie die meisten Landuntertanen vornehmlich
von Ackerbau und Viehzucht ernährten. Um jedoch die soziale Situation
richtig einzuschätzen, müssen wir uns stets als allgemeine Bezugsgröße vor Augen
halten, daß der größte Teil der nassau-saarbrückischen Bauern in erschreckend
ärmlichen Verhältnissen lebte. Als Fürst Wilhelm Heinrich sich bei seinem
Regierungsantritt einen Überblick über die Vermögens Verhältnisse seiner Untertanen
verschaffen wollte und seinen Beamten auftrug, die Höfe in 'wohlhabende',
’mittelmäßige' und 'arme' Bauernwirtschaften einzuteilen, da galten nach damaliger
Auffassung 24% der Bauern als wohlhabend, 30% als mittelmäßig und 46% als arm.
Karbach konnte nachweisen, daß nur die beiden Köllertaler Meiereien Engelfangen
und Hilschbach und die Meierei Fechingen Vermögens Verhältnisse aufwiesen, "bei
denen weniger als die Hälfte der Bauern als arm bezeichnet werden muß"19. Den
Köllertaler Bauern ging es im Durchschnitt besser als den meisten andern nassau-15
Damit scheint sich hier eher die Ansicht der "Kommunalisten" (Blickte), die die "Priorität der
Gemeinde" behaupten, zu bestätigen und nicht die der sog. "Individualisten" (Schulze), die von der
"Autonomie der bäuerlichen Produktion" ausgehen (vgl. Blickle, Unruhen, S. 103); allerdings ist, wie
Blickte richtig feststellte, "die Schnittmenge" zwischen beiden recht groß; so ist beispielsweise auch
für Schulze "die fehlende Korrelierbarkeit von öknomischer Lage und Widerstand" eine feste Größe
(zit. nach ebd., S.81).
16 Vgl. dazu und zum folgenden vor allem Karbach, Bauernwirtschaften, (zit. S.23).
n Zit. nach Karbach, Bauernwirtschaften, S.71.
18 Vgl. dazu oben Kap.II.la).
19 Vgl. Karbach, Bauernwirtschaften, S.86ff. (zit. S.88).
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