Full text : Obrigkeit und Untertanen

Einzug  hielt237.  In  ganz  besonderer  Weise  geschah  dies  in  der  Forstwirtschaft.  Erst
unter  Fürst  Ludwig  begann  sich  in  Nassau-Saarbrücken,  wie  Collet  betonte,  "eine
rationelle  Forstwirtschaft"  durchzusetzen238.  Hier  finden  wir  unsere  Anfangsvermutung
  bestätigt,  daß  die  kaiserliche  Schuldentilgungskommission  den  Anstoß  gab:  Im
Jahre  1774  veranlaßte  sie  eine  ausführliche  Waldbesichtigung,  um  festzustellen,  ob
die  jährlichen  Forste  innahmen  in  Höhe  von  50000  Gulden  gesichert  seien  und  die
Abholzungen  in  dem  gleichen  Maße  wie  bisher  ohne  weiteren  Schaden  des  Waldes
betrieben  werden  könnten.  Die  Untersuchung  ergab,  daß  zwar  keine  ausgesprochene
Holznot  zu  erwarten  sei,  aber  der  auch  hier  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  erkennbare
  Holzmangel  zu  einem  ökonomischeren  Umgang  zwinge.  Die  Folge  dieser
Erkenntnis,  die  auf  einer  regelrecht  'modernen'  Untersuchungsmethode  basierte,  war,
daß  man  unter  Fürst  Ludwig  begann,  "die  ersten  Ergebnisse  der  damals  neu  entstandenen
  Forstwissenschaft  in  die  Praxis  umzusetzen"239.  In  den  1780er  Jahren
wurden  in  Nassau-Saarbrücken  zum  ersten  Mal  Forstprotokollbücher  angelegt,  in
denen  die  einzelnen  Wälder  exakt  beschrieben  und  ihre  Lage  und  Ausdehnung  durch
Kartenmaterial  erläutert  wurden.  Dem  Nachwuchs  des  jungen  Holzes  wurde  besondere
  Aufmerksamkeit  geschenkt,  man  überließ  ihn  nicht  mehr  der  Natur,  sondern
begann  zu  säen  und  zu  pflanzen;  bei  der  Hauung  der  Schläge  wurde  auf  die  junge
Saat  geachtet;  außerdem  wurde  erstmals  eine  Kubikrechnung  statt  der  bisherigen
ungenauen  'Handspannen’  eingeführt.  Alles  in  allem  wurde  die  Forstwirtschaft  im
letzten  Drittel  des  18.  Jahrhunderts  auf  eine  wissenschaftliche  Grundlage  gestellt  und
damit  in  verstärktem  Maße  rationalisiert.  Collet  sah  darin  auch  den  Hauptgrund,  daß
während  der  Franzosenherrschaft,  als  das  Stammland  des  Fürstentums  zum  Saardepartement
  geschlagen  wurde,  unter  den  plus  helles  forets  du  Departement  (...)  celles
du  ci-devant  pays  de  Nassau  genannt  wurden240.  So  tritt  uns  auch  im  Bereich  der
Forst-  und  Landwirtschaft  die  unterschiedlich  akzentuierte  Reformpolitik  der  beiden
letzten  Saarbrücker  Fürsten  entgegen:  Während  unter  Wilhelm  Heinrich  die  Grundlagen
  der  'Modernisierung'  gelegt  wurden,  verfolgte  Ludwig  eine  Politik  der  Rationalisierung,
  die  ganz  vom  Zeitalter  der  Aufklärung  geprägt  war.
Der  Einfluß  der  Aufklärung  zeigte  sich  vor  allem  in  den  Bereichen  von  Bildung  und
Religion.  Ganz  im  Unterschied  zu  seinem  Vater,  der  sich  kaum  dem  Schulwesen
gewidmet  hatte,  führte  Fürst  Ludwig  im  Jahre  1783  eine  Reform  des  Volkschulwesens
  durch  und  öffnete  so  "mit  einem  Schlage  das  niedere  Schulwesen  der
Aufklärungspädagogik"241.  Als  "ein  Musterbeispiel  der  für  das  Zeitalter  des  aufge¬237

  Zur  Einwirkung  pfalz-zweibrückischer  Landwirtschaftsreformen  auf  Nassau-Saarbrücken  vgl.
Schwingel,  Der  Einfluß.
238  Vgl.  zum  Folgenden:  Collet,  Wirtschaftsleben,  S.31-33.
239  Ebd.,  S.32.
240  So  Zegovitz,  Annuaire  (zit,  nach  Collet,  Wirtschafsleben,  S.32f.).
241  Zum  niederen  Schulwesen  gegen  Ende  des  18.Jahrhunderts  in  unserer  Gegend  vgl.  Schaaf,  Schule;
s.kurz  dazu  auch  Herrmann,  Wilhelm  Heinrich,  S.39  (zit,).
244
            
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