Full text : Obrigkeit und Untertanen

Italien,  England,  die  Niederlande  und  einige  nordische  Staaten  führte.  Die  Erziehung
Fürst  Ludwigs  war  weit  mehr  von  aufklärerischen  Impulsen  geprägt  als  die  seines
Vaters,  die  uns  nur  aus  einer  Erziehungsinstruktion  von  1730  bekannt  ist,  die  wir  als
Beleg  für  den  frühaufklärerischen  Einfluß  der  Vormünderin,  Fürstin  Charlotte
Amalie,  herangezogen  haben186.  Die  unterschiedliche  Erziehung  bedingte  denn  auch
den  verschiedenen  Werdegang:  Während  Wilhelm  Heinrich  eher  pragmatisch  orientiert
  war187,  lagen  Ludwigs  Interessen  mehr  auf  geistig-literarischem  Gebiet188.
Schon  der  Freiherr  von  Knigge,  glühender  Verfechter  der  Aufklärung  und  führendes
Mitglied  des  Illuminatenordens,  hob  anläßlich  seines  Aufenthalts  in  Saarbrücken  das
geistige  Streben  des  Fürsten  hervor,  wenn  er  schrieb:  Er  (der  Fürst,  K.R.)  hat  ein
Liebhaber-Theater  errichtet,  auf  welchem  er  selbst,  (...)  die  gute  Fürstinn,  der  Hof
und  zuweilen  Fremde,  die  sich  hier  aufhalten,  vaterländische  Stücke  aufführen.
Außer  dem  kleinen  Schauspielsaale,  der  im  Schlosse  ist,  hat  der  Fürst  noch  ein  sehr
geschmackvolles  großes  Comödienhaus  in  der  Stadt  zu  diesem  Gebrauch  erbauen
lassenl89.  In  der  Tat  hatte  Fürst  Ludwig,  angeregt  durch  die  kulturellen  Tätigkeiten
des  Mannheimer  Hofs  als  einer  der  bedeutendsten  aufklärerischen  Stätten  Deutschlands,
  in  Saarbrücken  ein  Hoftheater  gegründet,  den  berühmten  Schauspieler  und
Dramatiker  Iffland  verpflichtet  und  durch  Balthasar  Stengel,  den  Sohn  des  Barockbaumeisters,
  ein  neues  Schauspielhaus  bauen  lassen190.  Ferner  zeugten  seine  Belesenheit
  und  seine  stilistisch  gewandten  Briefe  und  Gedichte  von  einer  Bildung,  die  im
literarischen  Gebiet  der  Aufklärung  wurzelte.  Bleymehl  konnte  zudem  zeigen,  daß
man  Ludwig  "als  eifrigem  Freimaurer  und  Anhänger  des  Rationalismus  auf  theologisch-pädagogischem
  Gebiet  auch  eine  Aufgeschlossenheit  für  andere  weltanschauliche
  Fragen  der  Aufklärung  zubilligen  (muß)"191.  Allerdings  darf  man  die  ständeübergreifende
  Aufklärungskultur  der  Freimaurerei  in  Nassau-Saarbrücken  nicht  überbewerten:
  "Die  Saarbrücker  Logen  gehörten  zu  dem  eher  aristokratisch-absolutistischen
  Flügel,  der  den  ursprünglich  rational-emanzipatonschen  Grundgedanken  der
Freimaurerei  weitgehend  abgelegt  hatte"192.  Die  von  Fürst  Ludwig  gegründeten
Logen  schlossen  sich  dem  System  der  Strikten  Observanz  an,  das  in  Deutschland  auf

11,6  Vgl.  dazu  oben  Kap.I.lb).
187  Vgl.  dazu  auch  Dotzauer,  Wilhelm  Heinrich,  S.71,  der  seine  Politik  mit  der  "mehr  praktisch-pragmatischen
  als  schöngeistig-musischen  Natur  des  Landesherm"  in  Zusammenhang  brachte.
188  Vgl.  zum  Folgenden  die  höfisch-aufgeklärten  Bildungsbestrebungen  unter  Fürst  Ludwig:  Bleymehl,
Aufklärung,  S.31-36.
189  Vgl.  Knigges  Brief  aus  Saarbrücken  v.  5.Mai  1792  in:  MHV  Saarg.  H.7  (1900),  S.241.
190  Vgl.  Bleymehl,  Aufklärung,  S.31  f.;  dazu  jetzt  Jung,  Ackerbau,  S.52-54.
191  Vgl.  Bleymehl,  Aufklärung,  S.33.
192  So  Jung,  Ackerbau,  S.54  in  Anlehnung  an  Dotzauer,  Freimaurergesellschaften;  dies  richtet  sich  vor
allem  gegen  Bleymehl,  Aufklärung,  S.36ff.,  dessen  Ergebnisse  über  die  Freimaurerei  und  Ordensgründungen
  in  Nassau-Saarbrücken  von  Jung  im  großen  und  ganzen  als  "Mythos"  (ebd.S.56)  entlarvt
werden;  vgl.  dagegen  immernoch  nach  Bleymehl:  Schwarz,  Vereinswesen,  S.  14-17;  zur  Freimaurerei
an  der  Saar  vgl.  auch  Teufel,  Freimaurerei;  Kalbfuß,  Freimaurer,  S.305.
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