Full text: Obrigkeit und Untertanen (32)

es dieses Mal, um den Motiven auf die Spur zu kommen, mit der Weber sehen Unter¬ 
scheidung von 'Interessen' und 'Ideen' versucht. Wir wollen es jetzt für die Regie¬ 
rungszeit des letzten Saarbrücker Fürsten, wie angekündigt, mit Hilfe der Weber- 
schen Typenlehre unternehmen, die zwischen der 'traditionalen', auf willkürlicher 
'Gnade' basierenden und der 'rationalen', an gesetztem 'Recht' orientierten Herrschaft 
unterscheidet175. 
c) Zwischen 'Gnade' und 'Recht': Die Grenzen des Rationalisierungsprozesses unter 
Fürst Ludwig 
Es mag seltsam anmuten, den aufgeklärten Reformabsolutismus in Nassau-Saar¬ 
brücken nach den jeweiligen Herrscherpersönlichkeiten zu unterscheiden. Und doch 
ist diese Unterscheidung sinnvoll. Einmal trägt sie der historischen Tatsache Rech¬ 
nung, daß "der Begriff des 'aufgeklärten' mehr als jener des 'klassischen' Absolutis¬ 
mus an das Wirken einzelner Persönlichkeiten gebunden (war)"176. Zum andern - und 
dies ist viel wichtiger - fällt der Regierungswechsel von Fürst Wilhelm Heinrich auf 
seinen Sohn Ludwig im Jahre 1768 exakt in jene Phase des ausgehenden Ancien 
Régime, der allenthalben nochmals ein tiefgreifender Zäsurcharakter zugeschrieben 
wird. Fritz Hartung sprach schon sehr früh von einem "Nachlassen der staatlichen 
Energie" im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts, worunter er verstand, daß zur sy¬ 
stembedingten Abschwächung des Absolutismus infolge der 'Entzauberung der 
Monarchie von Gottes Gnaden' durch die weltlich aufgeklärte Staatslehre "nun noch 
das Erlahmen der schöpferischen Energie der Fürsten" hinzukam: "Es war immer 
eine Schwäche des Absolutismus gewesen, daß er in seinen Leistungen von der 
persönlichen Eignung der Monarchen oder ihrer Minister abhing. Aber das allgemein 
festzustellende Nachlassen der Tatkraft und der Ergebnisse der Arbeit der Fürsten 
und ihrer Beamten beruht nicht bloß auf zufälligen Schwächen einzelner Persönlich¬ 
keiten, deutet vielmehr auf eine Schwäche im System. Mit der Methode der Bevor¬ 
mundung der Untertanen war nicht mehr weiterzukommen. Mit ihr hatte sich der 
Aufgeklärte Absolutismus in Widerspruch gesetzt zu dem allgemeinen Wesen der 
Aufklärung, das in Kants klassischer Formulierung die Befreiung des Menschen aus 
semer selbstverschuldeten Unmündigkeit sein sollte"177. Jetzt kam das ganze Dilem¬ 
ma zum Vorschein, das sich aus der ambivalenten Grundstruktur des aufgeklärten 
Reformabsolutismus, aus dem "Spannungsverhältnis von Aufklärung und Absolutis¬ 
mus" (Aretin) ergab: Im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts trieb der aufgeklärte 
Reformabsolutismus seinem Höhe- und Wendepunkt entgegen, es schien so, als ob 
er an seine eigenen Grenzen gestoßen wäre. Das ist der allgemeine Hintergrund, vor 
175 Vgl. dazu nochmals Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S.124ff. 
176 Demel, Reformstaat, S.67. 
,7’ Hartung, Aufgeklärter Absolutismus, S.41 (s.a. S.34). 
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