Full text : Obrigkeit und Untertanen

es  dieses  Mal,  um  den  Motiven  auf  die  Spur  zu  kommen,  mit  der  Weber  sehen  Unterscheidung
  von  'Interessen'  und  'Ideen'  versucht.  Wir  wollen  es  jetzt  für  die  Regierungszeit
  des  letzten  Saarbrücker  Fürsten,  wie  angekündigt,  mit  Hilfe  der  Weberschen
  Typenlehre  unternehmen,  die  zwischen  der  'traditionalen',  auf  willkürlicher
'Gnade'  basierenden  und  der  'rationalen',  an  gesetztem  'Recht'  orientierten  Herrschaft
unterscheidet175.
c)  Zwischen  'Gnade'  und  'Recht':  Die  Grenzen  des  Rationalisierungsprozesses  unter
Fürst  Ludwig
Es  mag  seltsam  anmuten,  den  aufgeklärten  Reformabsolutismus  in  Nassau-Saarbrücken
  nach  den  jeweiligen  Herrscherpersönlichkeiten  zu  unterscheiden.  Und  doch
ist  diese  Unterscheidung  sinnvoll.  Einmal  trägt  sie  der  historischen  Tatsache  Rechnung,
  daß  "der  Begriff  des  'aufgeklärten'  mehr  als  jener  des  'klassischen'  Absolutismus
  an  das  Wirken  einzelner  Persönlichkeiten  gebunden  (war)"176.  Zum  andern  -  und
dies  ist  viel  wichtiger  -  fällt  der  Regierungswechsel  von  Fürst  Wilhelm  Heinrich  auf
seinen  Sohn  Ludwig  im  Jahre  1768  exakt  in  jene  Phase  des  ausgehenden  Ancien
Régime,  der  allenthalben  nochmals  ein  tiefgreifender  Zäsurcharakter  zugeschrieben
wird.  Fritz  Hartung  sprach  schon  sehr  früh  von  einem  "Nachlassen  der  staatlichen
Energie"  im  letzten  Drittel  des  18.Jahrhunderts,  worunter  er  verstand,  daß  zur  systembedingten
  Abschwächung  des  Absolutismus  infolge  der  'Entzauberung  der
Monarchie  von  Gottes  Gnaden'  durch  die  weltlich  aufgeklärte  Staatslehre  "nun  noch
das  Erlahmen  der  schöpferischen  Energie  der  Fürsten"  hinzukam:  "Es  war  immer
eine  Schwäche  des  Absolutismus  gewesen,  daß  er  in  seinen  Leistungen  von  der
persönlichen  Eignung  der  Monarchen  oder  ihrer  Minister  abhing.  Aber  das  allgemein
festzustellende  Nachlassen  der  Tatkraft  und  der  Ergebnisse  der  Arbeit  der  Fürsten
und  ihrer  Beamten  beruht  nicht  bloß  auf  zufälligen  Schwächen  einzelner  Persönlichkeiten,
  deutet  vielmehr  auf  eine  Schwäche  im  System.  Mit  der  Methode  der  Bevormundung
  der  Untertanen  war  nicht  mehr  weiterzukommen.  Mit  ihr  hatte  sich  der
Aufgeklärte  Absolutismus  in  Widerspruch  gesetzt  zu  dem  allgemeinen  Wesen  der
Aufklärung,  das  in  Kants  klassischer  Formulierung  die  Befreiung  des  Menschen  aus
semer  selbstverschuldeten  Unmündigkeit  sein  sollte"177.  Jetzt  kam  das  ganze  Dilemma
  zum  Vorschein,  das  sich  aus  der  ambivalenten  Grundstruktur  des  aufgeklärten
Reformabsolutismus,  aus  dem  "Spannungsverhältnis  von  Aufklärung  und  Absolutismus"
  (Aretin)  ergab:  Im  letzten  Drittel  des  18.Jahrhunderts  trieb  der  aufgeklärte
Reformabsolutismus  seinem  Höhe-  und  Wendepunkt  entgegen,  es  schien  so,  als  ob
er  an  seine  eigenen  Grenzen  gestoßen  wäre.  Das  ist  der  allgemeine  Hintergrund,  vor

175  Vgl.  dazu  nochmals  Weber,  Wirtschaft  und  Gesellschaft,  S.124ff.
176  Demel,  Reformstaat,  S.67.
,7’  Hartung,  Aufgeklärter  Absolutismus,  S.41  (s.a.  S.34).

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