Full text : Obrigkeit und Untertanen

Wir  können  sagen,  daß  der  Reformabsolutismus,  wie  er  unter  nassau-usingischer
Vormundschaft  einsetzte,  von  Fürst  Wilhelm  Heinrich  ausgebaut  und  konsolidiert
wurde:  "Der  Prozeß  dynastischer,  politischer  und  auch  wirtschaftlicher  Erholung,
Konsolidierung  und  Expansion  verbindet  sich",  wie  Winfried  Dotzauer  meinte,
"nicht  ganz  zu  Unrecht  mit  dem  Namen  Wilhelm  Heinrichs"168.  Es  ist  für  unsere
Geschichte  der  Stadt-  und  Landproteste  von  großer  Bedeutung,  daß  mit  Fürst  Wilhelm
  Heinrich,  dem  ersten  wieder  im  Land  residierenden  Fürsten,  auf  allen  Feldern
des  Öffentlichen  Lebens  eine  Konsolidierungsphase  eingeleitet  wurde.  Aber  auch  die
Motive  der  herrschaftlichen  Reformpolitik  spielen  eine  große  Rolle  für  die  Reaktion
der  Untertanen.  Hier  konnten  wir  bei  nahezu  jedem  Reformbereich  sehen,  wie
fiskalisches  und  aufgeklärtes  Denken  miteinander  konkurrierten.  Die  Reformpolitik
Fürst  Wilhelm  Heinrichs  oszillierte  -  so  läßt  sich  pointiert  festhalten  -  zwischen
fiskalischen  'Interessen'  und  aufgeklärten  'Ideen'.  Um  an  unsere  Ausgangsfrage
anzuknüpfen,  so  können  wir  präzisieren,  daß  im  Weberschen  Sinne  die  'Interessen',
die  Weber  ja  nochmals  in  'materielle'  und  'idelle'  unterschied,  auf  der  materiellen
Seite  in  einer  Erhöhung  der  Staatseinnahmen  und  auf  der  idellen  Seite  in  einer  politischen
  und  ökonomischen  Effizienzsteigerung  zu  sehen  waren.  Als  stets  präsentes,
jedoch  nicht  immer  zu  greifendes  'Weltbild'  stand  dahinter  die  eine  große  'Idee'  der
Aufklärung.  Wenn  auch  -  wie  Bleymehl  ausführte  -  "in  keinem  Fall"  nachgewiesen
werden  konnte,  daß  die  Reformen  "unmittelbar  aus  der  Refexion  über  weltanschauliche
  Fragen  der  Aufklärung"  hervorgegangen  sind169,  und  man  daher  vorsichtig  sein
muß  mit  einer  eilfertigen  Apostrophierung170,  so  kann  man  doch  in  jedem  Fall  in
Anlehnung  an  Birtsch  sagen,  daß  Wilhelm  Heinrich  wenn  nicht  'aufgeklärter  Herrscher',
  so  doch  Herrscher  "in  der  Zeit  der  Aufklärung"  war171.  Wilhelm  Heinrich  war
nämlich  auch  und  vor  allem  absolutistischer  Fürst,  dem  es  um  Demonstration  von
Macht  ging.  Nichts  zeigt  dies  so  deutlich  wie  seine  außerordentlich  rege  Bautätigkeit,
die  "die  Bedeutung  von  Fürst  und  Hof  nach  außen  demonstrieren  sollte"172.  Die
Baupolitik  wiedemm  verschlang  eine  Unmenge  Summen  von  Geld173,  so  daß  man
sich  wirklich  fragen  muß,  was  diese  "Realisierung  barocker  Prachtentfaltung"  noch
mit  "aufklärerischen  Intentionen"  zu  tun  hat174.  Wir  sehen,  wie  schwierig  es  ist,  die
Ambivalenz  des  aufgeklärten  Reformabsolutismus  begrifflich  zu  fassen.  Wir  haben

168  Dotzauer,  Wilhelm  Heinrich,  S.65.
169  Vgl.  Bleymehl,  Aufklärung,  S.83f,
170  Diesbezüglich  warnt  auch  Schmitt  in  seinem  Forschungsüberblick  (Saarregion,  S.30f.).
171  Vgl.  Birtsch,  Friedrich  Wilhelm  I.,  S.89;  vgl.  dazu  auch  Dotzauer,  Wilhelm  Heinrich,  S.67,  der  davon
spricht,  daß  Wilhelm  Heinrich  "Zeitgenosse"  von  Friedrich  II.  und  Maria  Theresia  war.
172  Allgem.  dazu:  Press,  Der  Typ,  S.  131  f.;  zur  Baupolitik  Fürst  Wühlern  Heinrichs  vgl.  Rollé,  Sammlung
(1793),  HV  Abt.A  592,  S.7ff.,  der  dies  aus  der  Sicht  von  1793  breit  schildert;  Sittel,  Sammlung,
S.  17f.;  Schubart,  Bautätigkeit;  zu  Stengel,  dem  Baumeister  unter  Wilhelm  Heinrich  und  Ludwig,  vgl.
den  1995er  Jahresband  der  ZGS  (43),  Stengel-Symposion  1994.
177 Vgl.  die  Geldsummen  im  einzelnen  bei  Klein,  Staatshaushalt,  bes.  S.252ff.
174 Vgl.  dazu  auch  Schmitt,  Saarregion,  S.31.
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