Full text : Obrigkeit und Untertanen

frühneuzeitlichen  Protestforschung,  daß  sie  die  Frage  nach  dem  'Modemisierungspotential
  von  Unruhen'  ms  Zentrum  ihres  Interesses  rückt,  zugleich  aber  das
18.Jahrhundert,  das  doch  als  "Schwellenzeit  zur  Moderne"49  gilt,  immer  noch  vernachlässigt50.
  Zu  Recht  behauptet  daher  Würgler,  "daß  es  weder  der  städtischen  noch
der  ländlichen  Revoltenforschung  bislang  gelungen  ist,  den  Ertrag  des  Protests  für
die  Herausbildung  der  Moderne  zu  benennen"51.  Im  18.  Jahrhundert  wurde  auf  nahezu
allen  Gebieten  der  Übergang  von  der  traditionalen  zur  modernen  Welt  eingeleitet:
auf  dem  wirtschaftlichem  Sektor  begann  die  Entwicklung  von  der  agrarischen  Subsistenzwirtschaft
  zur  agrar-  und  industriekapitalistischen  Wirtschaftsweise,  im  politischen
  Bereich  der  Übergang  von  der  lehnsfeudalen  Personenverbandsherrschaft  zum
bürokratischen  Anstaltsstaat  und  in  sozialer  Hinsicht  schließlich  der  Übergang  von
der  ständischen  zur  bürgerlichen  Gesellschaft52.  Was  liegt  also  näher  bei  der  Frage
nach  der  Modernisierung  von  Unruhen,  als  sich  dem  18.Jahrhundert  zuzuwenden,
zumal  die  frühneuzeitliche  Protestforschung  dadurch  auch  den  schon  seit  langem
geforderten  Anschluß  an  die  vormärzliche  Konfliktforschung  Finden  kann53.  Der  allgemeingeschichtliche
  Grund,  sich  für  das  18.Jahrhundert  zu  entscheiden,  lag  daher
in  dem  Anliegen,  das  'Modemisierungspotential'  nicht  von  Unruhen54 *,  sondern  von
Unruhen  im  Wechselspiel  mit  der  herrschaftlichen  Politik,  d.h.  das  systemkonforme
und  endogene  Modemisierungspotential  des  ausgehenden  Ancien  Régime  zu  ermitteln.
  Von  daher  erschien  es  auch  nicht  sinnvoll,  die  Zeit  der  Französischen  Revolution
  mit  einzubeziehen,  weil  die  enorme  Wirkung  der  Revolution  als  eines  exogenen
  Faktors  eine  viel  zu  starke  Verzerrung  des  Gesamtbildes  nach  sich  ziehen  würde,
so  daß  keine  gesicherten  Aussagen  mehr  über  den  tatsächlichen  Charakter  des
politischen  Systems  möglich  gewesen  wären.
Aus  landesgeschichtlicher  Sicht  fiel  die  Entscheidung  auf  das  18.  Jahrhundert,  weil
sowohl  innen-  als  auch  außenpolitisch  vom  ersten  bis  zum  letzten  Drittel  dieses
Jahrhunderts  ein  Konsolidierungsprozeß  stattfand,  der  als  Grundlage  für  eine  allumfassende
  und  zukunftsweisende  Aufwärtsentwicklung  auf  gesellschaftlichem,  wirtschaftlichem
  und  kulturellem  Gebiet  diente.  Eine  ähnliche  Situation  bestand  für  die

49  Wehler,  Gesellschaftsgeschichte  I,  S.35.
5,1 Vgl.  dazu  Würgler,  Unruhen,  S.25,  der  von  einem  "realtive(n)  Desinteresse  auch  der  neueren,  sowohl
stadt-  als  auch  agrargeschichtlichen,  sowohl  ost-  als  auch  westdeutschen  Unruhendiskussion  am
1  8.Jahrhundert"  spricht;  zum  Modemisierungspotential  von  Unruhen  s.a  ders.,  Modemisierungspotential,
  S.  195-217.
5t  Würgler,  Unruhen,  S.25.
s:  Vgl.  das  bekannte  "Dichotomien-Alphabet"  von  Traditonalität  und  Modernität  bei  Wehler,  Modemisierungstheorie,
  S.14f.
53  Vgl.  dazu  Berding,  Vorbemerkung,  S.7f.;  Würgler,  Unruhen,  S.25.
54  Die  Frage  von  Würgler  nach  dem  "Modemisierungspotential  von  Unruhen  im  18,Jahrhundert"  (in:  GG
21,  1995,  S.195-217)  ist  ganz  bezeichnend  für  die  einseitige  Orientierung  der  Protestforschung  an
Unruhen  als  reinen  Untertanenphänomenen.

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