Full text: Obrigkeit und Untertanen (32)

die Versetzung in den Anklagezustand bzw. die Eröffnung des Hauptverfahrens 
übertrug. Gleichzeitig rang er sich trotz seiner bekannten Vorbehalte gegenüber dem 
Advokatenstand dazu durch, daß er den Verteidigern mehr Rechte, wie etwa die 
Akteneinsicht, zugestand und damit ihre Stellung bei Gericht aufwertete. Alles in 
allem wurde so eine höhere Rechtssicherheit für den Angeklagten erreicht. Al¬ 
lerdings konnte sich der Fürst nicht zur förmlichen Abschaffung der 'peinlichen 
Frage' entschließen, wenn sie auch in der Praxis während seiner Regierungszeit kaum 
noch angewandt wurde146. Auf dem Gebiet der unteren Gerichtsbarkeit führte Wil¬ 
helm Heinrich die zentralistische Politik seiner Mutter fort mit der Konsequenz, daß 
der Zuständigkeitsbereich der städtischen und dörflichen Gerichte zunehmend 
eingeengt und von den neuen staatlichen Behörden der Ämter und Oberämter aufge- 
saugt wurde147. 
Bleibt noch der gerade für einen protestantischen Staat wie Nassau-Saabrücken 
erwähnenswerte Sektor der Sozialfürsorge und des Kirchenwesens148. Die lutherische 
Religion war die herrschende Landesreligion, wenn auch der katholische Bevölke¬ 
rungsanteil infolge der Kriege und Austauschverträge relativ hoch war. Wilhelm 
Heinrich zeichnete sich durch eine tolerante Religionspolitik aus. Es heißt, daß die 
Reformierten ihm durch das Bekenntnis seiner Mutter sehr nahe gestanden haben, sie 
erhielten 1743 in Saarbrücken freie Religionsausübung und durften eine eigene 
Kirche bauen, ein Pfarr- und Schulhaus wurden aus den Mitteln der Landeskirchen- 
schaffnei finanziert, und im Jahre 1755 feierten Lutheraner und Reformierte einträch¬ 
tig das 200jährige Jubiläum des Augsburger Religionsfriedens149. Aber auch die 
Katholiken erhielten Unterstützung für ihren Kirchen- oder Kapellenbau, Deutlich¬ 
stes Zeichen landesherrlicher Toleranz war die 1763 verfügte Errichtung des neuen 
Hospitals als einer "interkonfessionellen Anstalt für die gesamte Grafschaft"150, Zum 
Programm des aufgeklärten Reformabsolutismus gehörten auch Gesundheitsför¬ 
derung und Versicherungsgründung151. Durch zwei detaillierte Medizinalordnungen 
von 1747 und 1763 wurde das Gesundheitswesen auf neue Grundlagen und die dort 
Bediensteten unter staatliche Kontrolle gestellt152..Auf Zustimmung und Förderung 
146 Vgl. dazu Herrmann, Kleinstaat, S.291 f. 
147 Vgl. zur unteren Gerichtsbarkeit unter vormundschaftlicher Regierung, die in der älteren Forschung 
falsch dargestellt wird, oben das Kap.1.1b); wir wissen heute, daß die Zentralisierung bereits unter 
Vormundschaft!. Zeit begann und nicht erst unter Wilhelm Heinrich; vgl. dennoch unter diesem 
Vorbehalt zur städtischen Gerichtsbarkeit van Ham, Gerichtsbarkeit, S. 140-144; Ennen, Organisation, 
S.102ff.; mit allen Fehlem aufräumend: Jung, Ackerbau, S. 125ff.; zur dörflichen Gerichtsbarkeit und 
ihren Veränderungen im 18.Jahrhundert vgl. Scherer, Landgemeindeverwaltung, S.95ff. 
148 Vgl. dazu vor allem Bleymehl, Forschungen, S.80-89 mit der weiterführenden Literatur; s.a. Dotzauer, 
Wilhelm Heinrich, S.77L 
149 Vgl. dazu auch Ruppersberg, Grafschaft II, S.273L 
150 Vgl. Bleymehl, Forschungen, S.81f. mit weiteren Beispielen u. der entsprechenden Literatur. 
151 Vgl. Bleymehl, Forschungen, S.82. 
157 Vgl. dazu im einzelnen Lefrere, Entwicklung des saarländischen Apothekenwesens. 
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