Full text: Obrigkeit und Untertanen

Ausgehend von der großen französischen Modebewegung des Physiokratismus eines 
Quesnay und dann in Deutschland ganz wesentlich propagiert von Kameralwissen- 
schaftlem und politischen Reformern wie Joseph von Sonnenfels bestand eine 
besondere Affinität der aufgeklärten Herrscher zur Landwirtschaft, in deren För¬ 
derung man die Voraussetzung einer florierenden Wirtschaft schlechthin erblickte27. 
Diese für die Wirtschaftsform des aufgeklärten Reformabsolutismus, den Kameralis- 
mus, ganz typische Erkenntnis war auch in Nassau-Saarbrücken weit verbreitet, wie 
die Äußerung eines Saarbrücker Regierungsrats belegt: Die Glückseligkeit und der 
Reichtum eines Staates beruhet sicher vorzüglich auf der Beförderung, Bearbeitung 
und Vermehrung der Landesprodukte[n] und besonders auf der Verbesser- und 
Erweiterung des Feldbaues, indem die Klasse derjenigen Unterthanen, welche das 
Land bauen, Früchte pflanzen und Futterkräuter erziehen, wie H. v.Sonnenfels sagte, 
die Pflegmutter und Nährerin aller übrigen Klassen ist2*. Es ist jedoch nicht möglich 
und - wie Helmut Bleymehl zu Recht betont - auch nicht nötig, jeden physiokrati- 
schen Zug in der Agrarpolitik auf Quesnay und seine Schule zurückzuführen, zumal 
in Deutschland seit Jahrzehnten eine eigenständige 'agrarische Bewegung' bestand, 
die nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die kleinstaatlichen Agrarreformen 
besaß29. Den unmittelbaren Anstoß für die landwirtschaftlichen Reformen in Nassau- 
Saarbrücken scheint ohnehin, wie sich aus einzelnen Verordnungen ergibt, in erster 
Linie das seit Beginn und vor allem seit Mitte des 18.Jahrhunderts rasant zunehmen¬ 
de Bevölkerungswachstum gegeben zu haben30. Hier waren, wie wir unter vormund¬ 
schaftlicher Herrschaft sehen konnten, die landwirtschaftlichen Verhältnisse noch 
sehr rückständig: extensive Bodennutzung oder besser gesagt Bodenverschwendung, 
Rodtheckenwirtschaft und Feldwilderungs- bzw. Trieschlandbewirtschaftung prägten 
noch ganz das geradezu archaisch anmutende Bild; entgegen einer landläufigen 
Meinung konnte weder von einer geregelten Dreifelderwirtschaft noch von einem 
Flurzwang gesprochen werden31. Während sich in Deutschland bereits seit Ausgang 
des Mittelalters die geregelte Dreifelderwirtschaft durchzusetzen begann, wurde 
27 Vgl. allgem. dazu Duchhardt, Absolutismus, S. 128f.; Möller, Fürstenstaat, S.82 u. 212f.; s.a. Gerteis, 
Physiokratismus. 
28 Rollé, Sammlung (1793): LA SB Dep. HV Abt.A 592, S.22. 
29 Vgl. Bleymehl, Forschungen, S.79f. 
30 Vgl. dazu beispielsweise die Verordnung Wilhelm Heinrichs über die Aufhebung der Unteilbarkeit 
der Vogteigüter vom 31.Januar 1764: LA SB 22/2714, S.275-277 (Auszug); zum Bevölkerungswachs¬ 
tum liegen uns bislang nur spärliche Angaben vor, vgl. oben Kap.Ilb). 
31 Vgl. ausführlich zur Landwirtschaft in Nassau-Saarbrücken die Magisterarbeit von M.Jung, Wirt¬ 
schaftspolitik, S. 12-62 (maschinenschriftl. Exemplar), hier auch die Auseinandersetzung mit der 
entsprechenden Literatur wie Lehmann (Wirtschaftsgeschichte), Schwingel (Wirtschafts- und 
Rechtsgeschichte) und Scherer (Liegenschaftsrecht), die unisono behaupten, daß in der Regierungszeit 
Wilhelm Heinrichs bereits eine 'reine Dreifelderwirtschaft' bestanden habe. Vgl. zur Landwirtschaft 
auch die sehr kompakte und immer noch außerordentlich aufschlußreiche Dissertation von Collet, 
Wirtschaftsleben, S.3-12; ferner Karbach, Bauernwirtschaften, S.92ff, 150ff; Jung, Ackerbau, 
S.152ff.,bes.l64f. 
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