Full text: Obrigkeit und Untertanen

(materielle und idelle), nicht: Ideen, beherrschen unmittelbar das Handeln der Men¬ 
schen. Aber: die >Weltbilder<, welche durch >Ideen< geschaffen wurden, haben sehr 
oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das 
Handeln fortbewegte"15. Diese Unterscheidung zwischen 'Interessen' und 'Ideen' 
scheint sinnvoll, um dem ambivalenten Charakter des aufgeklärten Reformabsolutis¬ 
mus auf die Spur zu kommen, weil sie uns einen tieferen Einblick geben kann in die 
Motivationsstruktur des aufgeklärten Herrschers. Welche Gründe für seine Politik 
waren mehr oder weniger vordergründige 'Interessen', materieller oder ideeller Natur, 
und welche ergaben sich aus seiner wie auch immer gearteten Rezeption aufgeklärter 
'Ideen'? Wir wollen mit dieser Frage nach den Motiven der aufgeklärten Reform¬ 
politik beginnen. Dabei orientieren wir uns an den beiden Herrscherpersönlichkeiten 
Nassau-Saarbrückens und behandeln zuerst die Reformära Fürst Wilhelm Heinrichs 
und dann die letzte Phase der Reformpolitik unter Fürst Ludwig16; denn bei aller 
Unklarheit über die "geistigen Väter" der Reformen, die gewiß auch im Beamtenap¬ 
parat zu suchen sind17, gilt doch auch für uns die allgemeine Erkenntnis: "Am Beginn 
von Reformen stand überall ein Fürst, der willens und in der Lage war und über die 
nötige Autorität verfügte, Veränderungs- und Innovationsvorschläge nicht nur 
aufzugreifen, sondern auch durchzusetzen"18. 
b) Zwischen fiskalischen 'Interessen' und aufgeklärten 'Ideen': Die Konsolidierung 
des Reformabsolutismus unter Fürst Wilhelm Heinrich 
Grundfaktum der kleineren Reichsherrschaften im 18.Jahrhundert war ihre desolate 
Haushaltslage19. Bei der Regierungsübemahme Fürst Wilhelm Heinrichs im Jahre 
1741 lastete auf dem Land eine Schuld von rund 183 000 Gulden, und als der Fürst 
im Jahre 1768 starb, betrug die Schuldsumme etwa 1,6 Millionen Gulden, d.h. 
innerhalb von 27 Jahren war die Schuldenlast um das Neunfache angestiegen20. 
Allein diese finanzpolitischen Eckdaten machen deutlich, daß die Reformpolitik 
Fürst Wilhelm Heinrichs "unter dem Diktat der ständig leeren Staatskasse" stand und 
15 Weber, Religionssoziologie I, S.252. 
16 Diese Unterscheidung nach den einzelnen Herrscherpersönlichkeiten ist für unser Thema auch deshalb 
sinnvoll, weil sich die folgenden Stadt- und Landproteste auf die Regierung des jeweiligen Fürsten 
beziehen. 
17 Diese Frage hat Herrmann bereits 1968 aufgeworfen (Wilhelm Heinrich, S.62-64, zit. S.63), ohne daß 
bislang weiter danach geforscht worden wäre; wir besitzen über den aufgeklärten Absolutimus in 
Nassau-Saarbrücken keine geschlossene Darstellung, wie sie etwa für Kurpfalz von Stefan Mörz 
vorliegt; vgl. für unsere Gegend zum schnellen Überblick den eben genannten Beitrag von Herrmann 
sowie Bleymehl, Forschungen, und Schmitt, Saarregion. 
18 Duchhardt, Absolutismus, S.125. 
19 Vgl. dazu Klein, Staatshaushalt, S.237-276; Ries, Die Reaktion, S.66f.; Schmitt, Französische 
Revolution, S. 157-159; ders., Saarregion, S.23-35. 
20 Vgl. Klein, Staatshaushalt, S.237-276 mit den korrekten Zahlen gegenüber früheren Berechnungen. 
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