Full text: Obrigkeit und Untertanen

zahlen, daß die Ernennung des Landkammermeisters "nicht unüberlegt" geschah, 
"wenn sie den bisherigen Rentmeister zu Wiesbaden Nikolaus Spahr traf und nicht 
etwa einen Beamten der saarbrückischen Verwaltung"193. Spahr zeigte von Anfang an 
Verständnis für die Klagen der Untertanen, und er sah auch die Schwächen der 
herrschaftlichen Forstordnung, kurzum: Er galt als relativ 'objektiver' Berichterstatter 
- einer, der eben nicht aus 'Eigennutz' handelte194. Beide - Spahr und von Botzheim 
und nicht mehr der Oberforstmeister allein - sorgten schließlich dafür, daß die 
Nachtragsverordnung in allen Punkten in Nassau-Saarbrücken bekannt gemacht 
wurde195. 
Mit der Nachtragsverordnung vom August 1731 war der ländliche Forstkonflikt 
unter nassau-usingischer Vormundschaft endgültig beigelegt. Wieder war die Fürstin 
nach Saarbrücken gekommen und wieder hatte sie eine herrschaftliche Verordnung 
als Antwort auf den Protest der Untertanen erlassen, gleichso wie in der ersten 
Konfliktphase. Beide Male war es der Herrschaft nicht gelungen, ihre absolutistische 
Ordnungspolitik so in die Praxis umzusetzen, wie sie sich das gewünscht hatte; denn 
beide Male wurde sie von den Untertanen an ihre altständische Konsenspflichtigkeit 
erinnert und mußte erhebliche Zugeständnisse machen. Der Forstkonflikt der nassau- 
saarbrückischen Landgemeinden stellt ein beredtes Zeugnis für das Weiterwirken 
altständischen Verfassungsdenkens dar, für die Kontinuität einer 'strukturellen 
Reziprozität' in den Beziehungen zwischen Herrscher und Beherrschten, wie sie auch 
im 18. Jahr hundert grundsätzlich noch bestand196. Zwar klagten die nassau- 
saarbrückischen Landuntertanen nicht ausdrücklich das Moment des Konsenses und 
der Partizipation ein; vielmehr setzte ihr Protest an sich die Herrschaft so weit unter 
Druck, daß sie sich gezwungen sah, ihre reformabsolutistische Forstpolitik ein Stück 
weit auf die Untertanen abzustimmen. Wenn damit auch der Siegeszug des Ab¬ 
solutismus, der nun auch m Nassau-Saarbrücken seinen Anfang nahm, nicht gestoppt 
werden konnte, so blieb doch das mittelalterliche Prinzip der Mutualität weiterhin 
gewahrt, weil es von den Untertanen am Leben gehalten wurde. Aber nicht nur diese 
politisch-kulturelle Tradition rückt den ländlichen Forstkonflikt in die Nähe des 
Mittelalters. Auch von der inhaltlichen Seite her erscheint er eher als ein mittelalter¬ 
licher Streit. Peter Blickle hat im Zusammenhang mit den Forstkonflikten als den 
193 Dazu Geck, Fürstentum, S.25. 
194 Vgl. etwa das Gutachten Spahrs zur Forstordnung vom Oktober 1729, Saarbrücken 8.April 1730: 
LA SB 22/2309, S.65f. 
195 Am gleichen Tag ging noch ein Post Scriptum in 7 Artikeln zur Nachtragsverordnung v. 6.August 
1731 heraus, um einige Gebrechen, die man in den neuen Forstrechnungen entdeckt hatte, abzustel¬ 
len; auch sie führt die gemeinsame Aufsicht des Oberforst- und Landkammermeisters über die 
restlichen Forstangelegenheiten, wie z.B. den Verkauf von Holländerholz oder das Fischereiwesen, 
ein (vgl. HHSTA Wl 131/ XXIII 35, unpag). 
196 Vgl. zur 'strukturellen Reziprozität' nochmals Thompson, Plebeische Kultur, zum Weiterwirken 
mittelalterlichen Verfassungsdenkens im Zeitalter des Absolutismus vgl. vor allem die Studien von 
Kern (Recht) und Brunner (Land). 
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